Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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überwiegenden Goldumlauf zu erhalten .und sich gleichzeitig einen für dieBedürfnisse des Verkehrs genügenden Silberumlauf zu sichern, führtemit Notwendigkeit zur Ausbildung desjenigen Geldsystems, welches wirGoldwährung nennen.

Wir haben uns so eingehend mit der Währungsgeschichte Englands beschäftigt, weil auf englischem Boden ohne Vorbild und gewissermaßenunbewußt aus dem Dränge der wirtschaftlichen Notwendigkeit herausdas System der Goldwährung entstand, welches sich später die ganzeKulturwelt erobern sollte.

In der Währnngsgeschichte der übrigen Länder der europäischenCivilisation wiederholen sich mit kleinen Variationen die Entwickelungs-tendenzen, welche wir in England beobachtet haben, aber die endlicheLösung war beeinflußt durch das englische Vorbild.

Während England bereits im Laufe des siebenzehnten Jahrhundertszu einem überwiegenden Goldumlanf gekommen war, herrschte in denandern wichtigen Ländern noch im achtzehnten Jahrhundert das Silberunbedingt vor; die erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts brachtefür die Länder Mitteleuropas sogar noch ein langsames aber entschiedenesÜberhandnehmen der Silberzirkulation.

Die Entwickelung der deutschen Währungsverfassung haben wirbereits ausführlich dargestellt. Wir heben hier nur ucch kurz diejenigenPunkte hervor, in welchen sie sich von der englischen charakteristischunterscheidet.

Etwa ein Jahrhundert später als Engtand kam Deutschland zur Parallelwährung; die Nutzlosigkeit der staatlichen Tarifierungenvon Gold- und Silbermünzen war zu augenscheinlich. Während aber inEngland die Parallelwährung wegen der Schwankungen im gegenseitigenWert der Gold- und Silbermünzen bald unerträglich schien und dadurch zueinem bimetallistischen System zurückleitete, welches zu einem thatsächlichenGoldnmlanf führte, verliefen die Dinge in Deutschland ganz anders.Der Grund war, daß die.wirtschaftliche Entwickelung in Deutschland noch auf einer weit tieferen Stufe stand, als diejenige Englands . InEngland war bereits in der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhundertsein starker Bedarf nach Goldmünzen vorhanden. In Deutschland dagegen,wo der Volkswohlstand viel geringer und alle Verhältnisse viel kleinerwaren, genügte noch am Anfang des 19. Jahrhunderts das Silber durch-aus den Ansprüchen des Verkehrs. Die Goldzirkulation war infolgedessenin Deutschland nicht so groß, daß der schwankende Wert der Goldmünzen