Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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mählich in größeren? Umfang. Bis gegen Ende September gingdie Goldbeschaffung aus London ohne eine wesentliche Störung desGeldmarktes vor sich; dann vereinigte sich eine Reihe von Umständen,um die Verhältnisse schwieriger zu gestalten, so namentlich die Ver-minderung der Goldzufuhr aus deu Vereinigten Staaten und vor alleinder starke innere Geldbedarf infolge des allgemeinen Aufschwuugs vonHandel und Industrie und des Überhandnehmens der Börsenspekulation.Nicht nur in England , sondern fast in allen Staaten europäischer Kulturtrat eine außerordentliche Anspannung des Geldmarktes ein ^.

Die Reichsregierung, deren Prägevorrat sich zusehends verminderte,suchte gleichwohl anfänglich ihre Goldbeschaffung, wenn auch in ver-mindertem Umfange und mit äußerster Vorsicht, fortzusetzen. Als aberdie Bank von England am 9. November ihren Diskont auf 7°/o er-höhte, stellte die Reichsregierung ihre Goldbezüge für einige Zeit ein,um nicht durch ihre Nachfrage die schwierige Lage des Geldmarktes nochzu verschlimmern. Um ein langsameres Fortschreiten der Prägethätigkeitherbeizuführen, wurden die Münzstätten angewiesen, bis auf weiteresausschließlich Zehnmarkstücke zu prägen.

Als sich zu Beginn des Jahres 1873 die Verhältnisse besserten unddie Bank von England ihren Diskont wieder auf 3^2°/o herabsetzte,nahm die Reichsregieruug ihre Goldbezüge aus London wieder auf.Bald jedoch entstanden neue Schwierigkeiten. Im Mai begann jenefurchtbare Krisis, das notwendige Ende der unsinnigen Überspeknlationund Überproduktion. Obwohl England von der eigentlichen Börsenkrisisin geringerem Maße getroffen wurde, als Österreich, Deutschland unddie Vereinigten Staaten, konnte sich der Londoner Geldmarkt der Ein-wirkung des Zusammenbruchs der großeu ausläudischen Effektenmärktenicht entziehen. Im Juni mußte die Bank von England mit ihremDiskont abermals bis auf 7°/o in die Höhe gehend

Unter diesen Umständen war die Einigung von Bundesrat undReichstag über das Münzgesetz, welche so lange zweifelhaft gewesen war,für die Reichsregierung eiu willkommener Anlaß, die Goldbeschaffung zuunterbrechen und in großem Umfang mit der Ausprägung von Reichs-scheidemünzen zu beginnen.

Im ganzen beliefen sich die Goldankäufe der Neichsregierung in

' Siehe Beiträge S. 263 ff.- Siehe Beiträge S. 267.