Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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lionen Mark annehmen zu dürfen (außer den österreichischen Thalern).Wie er sich im Jahre 1874 auf die geringen Silberbestände der Zettel-banken gestützt hatte, so beruhte seine Schätzung von 1875 auf einer am30. September dieses Jahres vorgenommenen Kassenenquete, bei welchersich in allen öffentlichen Kassen ein Thalervorrat von nur 34.267.900 Thalerergeben hatte. Davon lagen 20.297.000 Thaler ^ 60.89t.000 Markin den Banken, deren gesamter Metallgeld-Bestand damals 628.150.000Mark betrug. Auch bei dieser Schätzung wurde, ähnlich wie bei derSchätzung vom Ende 1874, der Umstand außer Acht gelassen, daß sichbei der damaligen Verfassung des deutschen Geldwesens der größte Teilder untersuchten Kassen mit Erfolg des Silbergeldes erwehren konnte,daß also die Zusammensetzung ihrer Bestände keinen Schluß auf die Zu-sammensetzung des freien Geldumlaufs gestattete.

Trotzdem machten die Schätzungen der Regierung überall Eindruck.Zwar wurde allgemein die von Camphausen veranschlagte Summe fürzu niedrig gehalten, schon deshalb, weil die Neichsregierung in Rücksichtauf eine möglichst günstige Veräußerung des Silbers an einer niedrigenSchätzung des zu verkaufenden Silbervorrats interessiert war; aber dievom Regierungstisch gegebenen Zahlen hatten doch die Wirkung, daß mauallgemein zu der Ansicht kam, daß von der Gesamtprägung von Landes-silbermünzen ein Abgang von 33^/s bis 40 Prozent anzunehmen sei. So-lange nicht einmal die Einziehungsergebnisse der süddeutschen Silber-münzen vorlagen, war keine Grundlage zu einer Korrektur dieser An-uahme vorhanden.

So erklärt es sich, daß die Schätzungen des von Deutschland nochzu verkaufenden Silbers, welche in jener Zeit vorgenommen wurden, sosehr sie auch unter sich voneinander abwichen, alle beträchtlich zu geringgegriffen waren. Als Beispiel sei erwähnt, daß die von der englischenSilberkommission 1876 eingeholten Veranschlagungen zwischen 160 und600 Millionen Mark schwankten. Nasse schätzte damals den Betrag desnoch abzustoßenden Silbers auf 500 Millionen Mark. Der Direktor derLondoner Zweigniederlassung der Deutschen Bank, welche damals dieSilberverkäufe vermittelte und iufolgedessen von der Ansicht der Neichs-regiernng unterrichtet war, nannte einen Betrag von 260 Millionen Mark.

In Wirklichkeit war damals (Mitte 1876) noch mehr als eineMilliarde Mark an Landessilbermünzen vorhanden, von deueu zur Ver-

i Stcn. Bcr. 187S>76 S. 66S,