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vollständigung des Umlaufs von Reichssilbermünzen bis auf deu Maximal-betrag des MüuzgesetzeS keine 200 Millionen Mark mehr Verwendungfinden konnten. Abgesehen von den eingezogenen aber noch nicht ver-wendeten Silberbeständen war also ein Betrag von wesentlich über-800 Millionen Mark noch zu veräußern, um die Münzreform programm-gemäß zu Ende zu führen. Die höchsten damaligen Schätzungen warenalso noch um die Hälfte zu niedrig ^.
Ans Grund dieses allgemeinen Irrtums erschien die völlige Durch-führung der Reform leichter, als sie in Wirklichkeit war.
Andererseits hatte die Valutakrisis die Wirkung gehabt, die Über-zeugung von der Notwendigkeit der vollständigen Durchführung der Reformzu verstärken.
Nun leiteten zwei Umstände auf den Gedanken hin, ob es nicht
! Man inng es immerhin für möglich halten, daß bei manchen der damaligenniedrigen Schätzungen bis zu einem gewissen Grad der Wunsch der Vater des Ge-dankens gewesen ist: gleichwohl liegt nicht der leiseste Anhaltspunkt vor, aus Gruuddessen man den Vertretern der Regierung und Männern wie Soetbeer, Nasse, Bam-berger u. a. den guten Glauben absprechen könnte. Es muß deshalb im Interessesowohl dieser um das deutsche Geldwesen und um die Währungswissenschaft hoch-verdienten Männer, als auch im Interesse der geschichtlichen Wahrheit an dieserStelle mit allein Nachdruck eine der häßlichsten der vielen bösartigen Verdächtigungenzurückgewiesen werden, welche sich in der Schrift von Or. Otto Arendt , „Dievertragsmäßige Doppelwährung", vorfinden. Mit Bezug auf die schwankenden Ver-anschlagungen des Umlaufs von Landessilbermünzen, namentlich auf die von Soetbeerzu verschiedenen Zeiten auf Grund verschiedener Anhaltspunkte, stets aber mit ge-bührender Reserve vorgenommenen Schätzungen, heißt es in der erwähnten Schrift(I S. 24):
„In dem Maße, wie später der Silberoerkauf schwieriger wurde, sank dieseSchätzung. Wollte man dadurch sich selbst, oder wollte man andere belügen?"
Als Antwort auf diese uuaunlisizierbare Insinuation genügt die Feststellung,daß die niedrigsten Schätzungen dein Jahre 1875 angehöre», als die Lage des Silber-mnrktes noch verhältnismäßig günstig war. Soetbeer schützte damals (w im DeutschenHnndelsblatt vom 31. August; gleichzeitigem Silberpreis Z6°/s ct) den Abgang vonLandessilbermünzen auf 40°,'o. Während sich in den folgenden Monaten die Lagedes Silbermarkts bis zur Krisis im Juli 1876 tSilberpreis46^/<) erheblich verschlechterte,lautete Soetbeers Schätzung auf Grund der bei der Einziehung des Guldengcldesgewonnenen Ergebnisse auf höhere Beträge. Seine Schätzungen aus dem Jahre 1876beruhen zumeist auf einem Abgang von 33'/s °/o. Als dann auch die Resultate derEinziehung der Doppelthaler vorlagen, nahm Soetbeer im Jahre 1877 nur noch einenAbgang von 26 °/o an, und die späteren Erfahrungen bestimmten ihn, im Jahre 187Anur noch einen Abgang von 21 °/o zu veranschlagen. Die Wandlungen der SvetbeerschenSchätzungen, die für alle damaligen Schätzuugeu typisch sind, beruhen also durchausauf der Erweiterung der Erfahrungen mit der Silbereinziehung, und sie bewege» sichdirekt entgegengesetzt zu der von Arendt behaupteten Richtung.