Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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befand, und befragte ihn in einiger Aufregung über deu neuesten Be-schluß des Reichskanzlers.

Was?" sagte v. Dechend,Wir sollen die Silberverkäufe ein-stellen? Daran denkt ja kein Mensch!"

Mosle berichtete ihm über sein Gespräch mit dem Reichskanzler;v. Dechend glaubte seinen Ohren nicht zu trauen und ging zu demFürsten , um sich zu überzeugen.

Nach einiger Zeit kam er zurück.

Ja, es ist wahr," sagte er,die Situation ist sehr ernst. Es wirdetwas geschehen müssen."

Ich gebe diese Darstellung unter dem Vorbehalt wieder, wie jede,für welche die akteumäßigen Belege fehlen, und zwar nach vertraulichenMitteilungen, welche Mosle damals seinen politischen Freunden gemachthat. Volle Klarheit wird über die Vorgeschichte der Suspendierung derSilberverkäufe überhaupt nicht mehr zu schaffen sein.

Der Kernpunkt dieser Darstellung liegt darin, daß nach ihr derEntschluß, die Silberverkänfe einzustellen, in dem Reichskanzler ent-standen und reif geworden ist, ohne Zuthun, ja ohne Vorwissen desNeichsbankpräsidenten, während später immer wieder behauptet wurde,die Einstellung der Silberverkäufe sei auf Veranlassung v. Dechendserfolgt. Ja, Herr v. Dechend selbst hat später im Reichstag erzählt, erhabe aus Rücksicht auf die unvermeidlichen finanziellen Verlnste bei derFortsetzung der Silberverkäufe dem Reichskanzler deren Sistierung aufsdringendste empfohlen.

Die Richtigkeit dieser Angabe in Zweifel zu ziehen, davon kannnatürlich keine Rede sein. Aber die Darstellung v. Dechends schließt dieDarstellung Mosles nicht aus. Es ist möglich, daß Fürst Bismarck ,nachdem er mit sich selbst bereits einig war, den Reichsbankpräsidentenzu einein Vortrag über die Angelegenheit aufforderte, und daß dieser inseinem Vortrage unter dem Drucke des bereits feststehenden Ent-schlusses des Kanzlers in der That die Einstellung der Silberverkäufeempfohlen hat.

Die Erzählung Mosles erhält durch verschiedene Umstände denhöchsten Grad der Glaubwürdigkeit.

Vor allem durch einen psychologischen Grund. Bismarck , der bisherin den Fragen der Münzreform stets seine Minister und Räte hatte dasWort führen lassen, der die Gedanken anderer niemals leicht anfuahmund sich für sie begeisterte, Bismarck vertrat dieses Mal die Ein-