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Die Eingeweihten, welche bisher die unbezweifelte Suspension derSilberverkäufe als eine vorübergehende Laune angesehen hatten, fürwelche man den Kanzler nicht sich definitiv engagieren lassen dürfe, ge-rieten nnn ernstlich in Unruhe, es könnten wirklich weitergehende Maß-regeln geplant sein,
Sie hatten guten Grund den englischen Gesandten für wohlinformiertzu halten. Die Angabe des noch vorhandenen Vorrats von Silberbarrenin der Depesche des Lord Russell gab eiuen deutlichen Fingerzeig, DieHöhe des Silbervorrats konnte nur der Reichsbank und der Reichsregierungbekannt sein.
Nun war der englische Gesandte in Berlin bei der Einziehung vonInformationen über derartige Dinge naturgemäß zunächst auf den eng-lischen Generalkonsul in Berlin angewiesen. Englischer Generalkonsulwar der Bankier Bleichröde r. Bleichröder stand bekanntlich bei Bis-marck als „Praktiker" in großein Ansehen. Bleichröder war ferner Mit-glied des Centralausschusses der Reichsbank. In dieser letzteren Stellunghatte er Gelegenheit, die Höhe des noch vorhandenen Vorrats von Silber-barren in Erfahrung zu bringen.
Auf Bleichröder deutete ferner der Schlußsatz der Note, nach welchemdie „iinanoial msn" in Deutschland an die Einführung der Doppel-währung glaubten.
Sobald man aber annahm, daß Lord Russell seine alarmierendenNachrichten von einein dem Reichskanzler so nahestehenden Mann bezogenhabe, konnte man seine Mitteilungen nicht ernst genug nehmen.
Dieser Eindruck war allgemein.
Sofort, nachdem in Berlin die Note des Lord Russell bekaunt ge-worden war, am 13. Juni, versammelte sich eine kleine Anzahl von Neichs-tagsmitgliedern, unter ihnen der frühere Minister Delbrück , Bam-berger, Harnier und beriet über die nuumehr zu ergreifenden Maß-regeln.
Selbst Bamberger, welcher bisher alles gethan hatte, um einenZusammenstoß mit dem Reichskanzler in dieser Frage zu vermeiden,konnte sich nicht länger der Notwendigkeit verschließen, daß etwas ge-schehen müsse. Doch wollte er nur dann- einer Interpellation zustimmen,falls es nicht gelingen sollte, von der Reichsregiening ohne Interpella-tion beruhigende Erklärungen zu erhalteu.
Dementsprechend wurde beschlossen, Delbrück solle dem Präsidiumdes Reichskanzleramts von der Absicht, eine solche Interpellation zu stellen,
Helsferich, Geschichte der Geldreform, 23