Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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weder in der Unmöglichkeit ihrer völligen Durchführung, noch in einerBekehrung der leitenden Kreise zur Doppelwährung, durch welche dieErreichung des iu Aussicht genommenen Zieles als unerwünscht erschienenwäre. Nach den Ausführungen des Reichskanzlers und des Reichsbank-präsidenten lagen die Gründe lediglich in den Verlusten des Reichs beiden Silberverkäufen und in der Rücksicht ans den Silbermarkt.

Beide Gründe konnten die entscheidende Maßregel nicht rechtfertigen.

Deutschland war am Silbermarkt und Silberpreis verhältnismäßigwenig interessiert. Die Rücksicht auf die Silberproduzenten und die Be-sitzer von Silberobligationen und Silbergeräten verschwindet vollständigneben dem Interesse an einein sicheren und geordneten Geldwesen. Zu-dem hat die Einstellung der Silberverkäufe die beabsichtigte Wirkungans den Silberpreis verfehlt. Sie hat den Silberpreis im ersten Augen-blick nur um wenige Bruchteile gehoben und hat später sein weiteresSinken nicht verhindert. Der in Aussicht gestellte Segen des Auslandes",den Deutschland glücklicherweise entbehren kann, ist gleichfalls ausgeblieben.

Die finanziellen Verluste des Reichs bei der Durchführung der Münz-reform beliesen sich damals (31. März 1879) auf nicht ganz 40 MillionenMark; denn die von dem Reichsbankpräsidenten angeführten großen Ver-luste aus den Silberverkäufen wurden zum großen Teil durch die Ein-nahmen aus der Münzreform aufgewogen. Nach Dechends Berechnungsollten uoch 90100 Millionen Mark zur Vollendung der Reform not-wendig sein. Die Gesamtkosten der Reform hätten sich nach diesen Zahlen,vor denen der Reichsbankvräsideut erschrak und die einen so erschüttern-den Eindruck auf deu Kanzler und den Reichstag machten, auf 130140Millionen Mark gestellt. Bamberger hatte schon 1873 die Kosten derReform auf ungefähr denselben Betrag, auf 120150 Millionen Markveranschlagt, ohne daß jemand vor dieser Summe erschrocken wäre.

Die beiden angeführten Gründe konnten selbst für diejenigen, welchesie für vollwichtig hielten, nur unter zwei Voraussetzungen ausschlag-gebend sein:

entweder mußte der Zustand, in welchem nun das deutsche Geld-wesen bis auf weiteres verbleiben sollte, ein an und für sich befrie-digender sein, der, ohne irgendwelche Gefahr heraufzubeschwören, keinerweiteren Verbesserung bedürfte;

oder die Einstellung der Silberverkäufe war lediglich als vorberei-tender Schritt zu einer Änderung der Münzgcsetzgebung im Sinne derDoppelwährung gedacht.