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praktischen religiösen und ritualen Bedürfnisse, namentlich auchhinsichtlich der Staatsgeschäfte, am einfachsten und vollkommen-sten dadurch befriedigen konnten, daß sie sich so eng wie möglichan die altangesehene staatsreligiöse „Etrusca disciplina“ fl ) an-lehnten.
Man kann nicht umhin, das religiöse Verhältnis der beidenVölker als auf das Bewußtsein der Religionseinheit gegründet zudenken. Man prüfe nur als Beispiele zwei historisch feststehendeMomente von diesem Gesichtspunkt aus: erstens die Heilighaltungder vieljährigen Waffenstillstände zwischen Rom und Veji von 477und 425; zweitens die Asylgewährung an die römischen Priesterund Vestalinnen in Caere 390. Angesichts dieser und vieler ent-sprechender anderer Vorgänge muß man an die Macht der dasStaatsleben der Römer und Etrusker durchdringenden, beide Na-tionen zu einer inneren Religionseinheit verbindenden Staats-religiosität, glauben. 6 7 )
6 ) Der Ausdruck .Etrusca disciplina*, welcher in der römischen Litera-tur gang und gäbe war, und in der historischen und philologischen For-schungsliteratur immer in Gebrauch geblieben ist, bezeichnet die in Etrurien ausgebildete Lehre von der Tätigkeit der „haruspices“, auch „haruspicina* ge-nannt. Dieser Lehre gehört insbesondere der Begriff des „templum“ an, dasheißt die rituelle Technik der Behandlung des Bodens, seine Auswahl, Ab-grenzung, Gestaltung. Diese Grundsätze beziehen sich insbesondere aufTempelbauten, Städtegriindungen, Landesvermessung, Lagerabsteckung, Acker-verteilung („Limitation“). Als zünftige Spezialkunde, zum Teil als priester-liche Geheimkunde war sie ausschließlich im Besitz des etruskischen harus-pices. Ihre Anwendung war diesen auch in Rom absolut Vorbehalten. Später-hin freilich wurde sie profanisiert, und es erwuchs früh eine erheblicheLiteratur darüber. Die „Etrusca disciplina“ bildete einen Teil der in Rom „divinatio“ genannten priesterlichen Disziplin. Bekannt ist die Schrift desCicero „de divinatione “. — Genaues über die ganze Materie findet man inPauly, „Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft “, ArtikelDivinatio .
7 ) B. G. Niebuhr hat folgendermaßen geschaut: Griechen und Pönern(Phönizier) unerborgt, vielleicht schon aus dem Norden, hergebracht, warendie Wissenschaften Etruriens : Heilkunde, Naturkunde und Astronomie. Hierzeigt sich eben die wunderbare Erscheinung, welche uns in der neuen Weltin Erstaunen setzt: eine höchst vollkommene Zeitbestimmung; und zwar, imcyclischen Jahr, ganz in demselben Geist wie die altmexikanischen Gesetz-geber der Zeitrechnung verfuhren: aus astronomisch genau bestimmten Mas-