Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
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Etrurien und Rom

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praktischen religiösen und ritualen Bedürfnisse, namentlich auchhinsichtlich der Staatsgeschäfte, am einfachsten und vollkommen-sten dadurch befriedigen konnten, daß sie sich so eng wie möglichan die altangesehene staatsreligiöseEtrusca disciplina fl ) an-lehnten.

Man kann nicht umhin, das religiöse Verhältnis der beidenVölker als auf das Bewußtsein der Religionseinheit gegründet zudenken. Man prüfe nur als Beispiele zwei historisch feststehendeMomente von diesem Gesichtspunkt aus: erstens die Heilighaltungder vieljährigen Waffenstillstände zwischen Rom und Veji von 477und 425; zweitens die Asylgewährung an die römischen Priesterund Vestalinnen in Caere 390. Angesichts dieser und vieler ent-sprechender anderer Vorgänge muß man an die Macht der dasStaatsleben der Römer und Etrusker durchdringenden, beide Na-tionen zu einer inneren Religionseinheit verbindenden Staats-religiosität, glauben. 6 7 )

6 ) Der Ausdruck .Etrusca disciplina*, welcher in der römischen Litera-tur gang und gäbe war, und in der historischen und philologischen For-schungsliteratur immer in Gebrauch geblieben ist, bezeichnet die in Etrurien ausgebildete Lehre von der Tätigkeit derharuspices, auchharuspicina* ge-nannt. Dieser Lehre gehört insbesondere der Begriff destemplum an, dasheißt die rituelle Technik der Behandlung des Bodens, seine Auswahl, Ab-grenzung, Gestaltung. Diese Grundsätze beziehen sich insbesondere aufTempelbauten, Städtegriindungen, Landesvermessung, Lagerabsteckung, Acker-verteilung (Limitation). Als zünftige Spezialkunde, zum Teil als priester-liche Geheimkunde war sie ausschließlich im Besitz des etruskischen harus-pices. Ihre Anwendung war diesen auch in Rom absolut Vorbehalten. Später-hin freilich wurde sie profanisiert, und es erwuchs früh eine erheblicheLiteratur darüber. DieEtrusca disciplina bildete einen Teil der in Rom divinatio genannten priesterlichen Disziplin. Bekannt ist die Schrift desCicerode divinatione . Genaues über die ganze Materie findet man inPauly,Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft , ArtikelDivinatio .

7 ) B. G. Niebuhr hat folgendermaßen geschaut: Griechen und Pönern(Phönizier) unerborgt, vielleicht schon aus dem Norden, hergebracht, warendie Wissenschaften Etruriens : Heilkunde, Naturkunde und Astronomie. Hierzeigt sich eben die wunderbare Erscheinung, welche uns in der neuen Weltin Erstaunen setzt: eine höchst vollkommene Zeitbestimmung; und zwar, imcyclischen Jahr, ganz in demselben Geist wie die altmexikanischen Gesetz-geber der Zeitrechnung verfuhren: aus astronomisch genau bestimmten Mas-