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Bis zur Abschaffung des Königtums
VI.
Wenn man die Gründung der palatinischen Roma nicht alsisolierten Vorgang, sondern im Zusammenhang des gesamtenitalienischen Siedlungs- und Städtewesens betrachtet, so muß manerkennen, daß diese Gründung nicht ein vereinzelter sondern eintypischer Vorgang war, und zwar derart, daß man vieles von demwas speziell hinsichtlich Roms nicht überliefert ist, aus der Ana-logie anderer Gründungen schließen kann, über welche wir Be-scheid haben. Wir wissen, daß im Gebiet der LandschaftLatium (das Gebiet zwischen Tiber , den Vorbergen des Appenin,dem Südrand der Albanerberge und dem Meer) die Städtebildungsich typisch so vollzogen hat, daß die Geschlechter d. h. die untereinem Haupt vereinigten Familien sich im freien Lande jede fürsich ansiedelten und daß, wenn eine Anzahl dieser Geschlechts-siedlungen (vici, pagi), nachbarlich gesiedelt und durch Stammes-,Sprachen- und Sittengemeinscnaft verbunden, das Bedürfnis emp-fand, sich zu gemeinschaftlicher Wehr und zu politischem Zu-sammenschluß zu vereinigen, sie einen festen örtlichen Mittel-punkt bestimmten als „eine gemeine Versammlungsstätte, welchedie Dingstätte und die gemeinen Heiligtümer des Gaues in sichschloß, wo die Gaugenossen an jedem achten Tag des Verkehrswie des Vergnügens wegen sich zusammenfanden, und wo sie imKriegsfall sich und ihr Vieh vor dem einfallenden Feind sichererbargen als in den Weilern (vici, pagi), die aber übrigens regelmä-rßig nicht oder schwach bewohnt waren. Ein solcher Platz istnoch keine Stadt, aber die Grundlage einer künftigen, indem dieHäuser sich an die Burg anschließen.“ Diese von Th. Mommsen (römische Geschichte Bd. I. S. 36) allgemein für Latium geschrie-benen Worte passen auf die palatinische Romgründung so genau,als wenn sie unmittelbar für diese hätten gelten sollen.
Das Wesentlichste, was aus diesen historisch wahrscheinlichenMomenten folgt, ist, daß die palatinische Furchenziehung nichterfolgt sein kann, ohne daß eine beträchtliche Zahl von Ge-schlechtssiedlungen in der Umgebung des Palatinhügels vorhan-den und bei der Gründung beteiligt war, das heißt den Ent-schluß zur Bildung eines politischen Verbandes (civitas, populus)