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Bis zur Abschaffung des Königtums
strieren, daß das, was über die Königszeit von den römischenAnnalisten überliefert ist, das heißt, was man nach dem gallischenBrande (390 v. Chr.) in Rom hinsichtlich der Königszeit zu erzäh-len für gut befunden hat, gänzlich unzuverlässig und größten-teils nachweislich falsch ist.
IX.
Unserer Darstellung der Gründung Roms bleibt angesichtsdes Abreißens des Fadens unserer Kenntnis der inneren Gestal-tung der am 21. April 754 äußerlich konsolidierten palatinischenGemeinschaft nur noch der Versuch übrig, den inneren Motiven,besser: den Triebkräften, nachzuforschen, welche zu der palatini-schen Gründung geführt haben.
Eine Überlieferung, welche der Untersuchung dieser Frageoder auch nur ihrer Aufwerfung gewidmet wäre, besitzen wirnicht.
Man muß sich klarmachen, daß die Aufwerfung der vor-stehenden Frage nur Sinn hat, wenn, wie Th. Mommsen (röm.Geschichte Bd. I S. 46) es formuliert hat, Rom „mehr eine ge-schaffene als gewordene Stadt und unter den latinischen eher diejüngste als die älteste“ ist.
Es läßt sich aber auch eine mittlere Auffassung vertreten,nämlich die, daß eine Anzahl latinischer Siedlungsgeschlechtervom Gebirge herabgekommen ist, sich in der Umgegend des Pala-tin angesiedelt hat und von dem zum rex erwählten Führer städ-tisch vereinigt worden ist. Dabei würde weder ver sacrum nochVerbannung noch politische Sezession, noch Kolonialgründungsondern die etwa durch Bevölkerungsvermehrung oder anderewirtschaftliche Momente oder auch nur an die durch aufklärendePropaganda einzelner Führernaturen (Romulus, Remus) in Ver-bindung mit örtlicher Verdrossenheit veranlaßte Aufsuchungneuer Sitze mit dem Plane einer Stadtgründung am Tiberflußals treibendes Motiv zu denken sein. Die Führer hätten daraufhingewiesen, daß in der Abgeschlossenheit der alten Gebirgssitzeder wachsende Kinderreichtum die Schwierigkeit auskömmlichen