Der Übergang zur Republik
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Ardea, die Stadt der Rutuler, hatte durch ihren Reichtum dieHabgier des Königs gereizt. Er versuchte sie im ersten Sturmzu nehmen, allein sein Angriff ward abgeschlagen. Es blieb ihmnichts übrig, als die Stadt zu belagern, die wohlbefestigt auf einemsteilen, rund herum schroff abgehauenen Felsen lag. Wähl end sodas römische Heer müßig in den Feldhütten lag, saßen eines Tagesdie Fürstensöhne zechend beisammen; zugegen war auch L Tar-quinius, ein Anverwandter der königlichen Familie, zubenannt,von Collatia, wo sein Vater Egerius, ein Brudersohn des Tarqui-nius Priscus, von diesem zum Lehensfürsten eingesetzt wordenwar. Das Gespräch der jungen Männer fiel auf ihre Frauen;jeder pries die seine; der Streit wurde hitziger; endlich schlugCollatinus vor, zu Pferde zu steigen, und sich durch den Augen-schein zu überzeugen, daß seiner Lucretia der Preis gebühre. Ge-sagt, getan; sie flogen auf gespornten Rossen nach Rom , wo siedie königlichen Schwiegertöchter beim üppigen Mahle überrasch-ten; von da nach Collatia, wo die Gattin des Collatinus, — es warschon späte Nacht — noch spinnend im Kreise ihrer Mägde saß.Lucretia hatte gesiegt, aber in Sextus Tarquinius, dem jüngstender Königssöhne, schnöde Lust entzündet. Wenige Tage daraufkam er wieder, ohne Wissen des Collatinus, nur von einem Skla-ven begleitet, nach Collatia; er kehrte im Hause seines Verwand-ten ein, wo man ihn gastfreundlich empfing. Um Mitternacht, alsalles in tiefem Schlafe lag, trat er liebeglühend mit gezogenemSchwerte vor Lucretias Bett. Er bekannte ihr seine Liebe, flehte,wechselte Drohungen mit Bitten und Versprechungen, ließ keinMittel der Überredung unversucht. Als er sie unerschütterlichund selbst gegen Todesgefahr standhaft sah, bestürmte er siedurch Furcht vor Schande. Er drohte, einen erwürgten Sklavennackt neben ihre Leiche zu legen, als hätte er sie im Ehebrüchegetötet, ein Rächer der Ehre ihres Mannes. Einen Tod zu ster-ben, der ihr Gedächtnis rettungslos beschimpfte — dieser Gedankebetäubte die Unglückliche: sie duldete, was Todesfurcht alleinnicht hatte erzwingen können. Als der Räuber ihrer Ehre fortwar, schickte Lucretia , voll tiefen Grams über ihr Unglück, einenBoten nach Rom an ihren Vater und nach Ardea an ihren Mann.