78 Von der Abschaffung des Königtums bis 91 v. Chr.
Sie möchten ein jeder mit einem treuen Freunde kommen; aberschleunig, denn Schreckliches habe sich ereignet. Spurius Lucre-tius, Lucretias Vater, kam begleitet von Publius Valerius , dem-selben, der später den Beinamen Poplicola erhielt; Collatinus inBegleitung des Lucius Junius Brutus. Als sie eintraten, saß Lu-cretia tiefbetrübt, in Trauerkleidern, in ihrem Schlafgemach. Siewollte sprechen, aber Scham und Tränen erstickten ihre Stimme.Endlich erzählte sie die Schandtat, die ihr widerfahren, und be-schwor die Männer, wenn sie Männer seien, diese Tat zu rächen.Darauf zog sie, allen Trost verschmähend, einen unter ihrem Ge-wände verborgenen Dolch hervor und stieß ihn sich ins Herz.Während Gatte und Vater sich ihrem Schmerze überließen, sprachBrutus das letzte Wort der Rache aus: er zog den blutigen Dolchaus der zusammengesunkenen Leiche, hielt ihn in die Höhe, undschwur, den Despoten Tarquinius samt seinem ruchlosen Weibeund alle Kinder seines Stammes mit Feuer und Schwert zu ver-folgen, und nicht mehr zu dulden, daß zu Rom ein König herrsche.Der Dolch ging von Hand zu Hand, und die Anderen wiederhol-ten seinen Schwur. Darauf trugen sie die Leiche auf den Marktvon Collatia; alles war empört; man schloß die Tore; die jungeMannschaft ergriff die Waffen, und zog unter Anführung des Bru-tus nach Rom . Hier erregte der Frevel die gleiche Empörung.Brutus als Oberster der Ritter (Tribunus Celerum) berief eineVolksversammlung, fachte den langverhaltenen Ingrimm der Ge-müter zu hellen Flammen an, und vermochte das Volk, die Ab-setzung des Königs und die Verbannung der ganzen Königsfamilicauszusprechen. Darauf begab er sich in das Lager von Ardea;das Heer empfing ihn frohlockend, und trat dem Volksbeschlussebei. Gleichzeitig war Tarquinius , von diesen Vorgängen unter-richtet, aus dem Lager nach Rom geeilt: aber er fand die Toreverschlossen, seine Thronentsetzung ausgesprochen, die Umwäl-zung vollendet. Er mußte sich der Notwendgkeit fügen, undwanderte mit seinen zwei älteren Söhnen nach Cäre ins Etrusker-land aus. Sein jüngster Sohn Sextus ging nach Gabii , wo ihndie Rache für seine früheren Missetaten blutig ereilte.