94 Von der Abschaffung des Königtums bis 91 v. Chr.
Rom, dem erstarkten, brach sich die Wucht ihrer Anläufe. Schrittfür Schritt zurückgedrängt verloren sie im Laufe des viertenJahrhunderts den Boden wieder, auf dem sie in den letzten Jahr-zehnten des dritten Jahrhunderts Fuß gefaßt hatten; ihre Wider-standskraft schwindet zusehends; bald kämpfen sie nur noch fürihre Unabhängigkeit, und zuletzt erliegen sie, zusammengeschmol-zen und erschöpft, der Gewalt der römischen Waffen, die gegenEnde des fünften Jahrhunderts der Stadt unbestritten über ganzItalien herrschen.
Im Einzelnen hat die Geschichte dieser Kriege, so, wie sieuns überliefert worden ist, etwas ermüdend einförmiges. Sie be-steht aus einer Menge erfolgloser Feldzüge, entscheidungsloserTreffen, von denen oft nicht einmal Ort und Stelle näher angege-ben wird. Livius sagt einmal, er zweifle nicht, daß seine Leser dieewigen Volskerkriege endlich satt haben. Mit welcher Ausdauerdie Aequer und Volsker den Kampf geführt haben, beweist vorallem die offenkundige Tatsache, daß fast ganz Latium ihren Waf-fen erlegen, der größte Teil der Latinerstädte in ihre. Botmäßigkeitgekommen ist, in der diese Städte auch geblieben wären, hätteRom sie nicht zurückerobert; beweist ferner das wiederholte Vor-dringen beider Völker bis vor die Mauern Roms, das mehrmalsam Rande des Untergangs stand; beweist endlich der hartnäckigeWiderstand, den sie, geschwächt und allmählich erliegend, dem er-obernden Vordringen der Römer entgegengesetzt haben.
Was besonders an den Volskerkriegen befremdet, istihre lange, entscheidungslose Dauer. Auch Livius äußert ein-mal seine Verwunderung darüber, daß die so oft besiegten Aequerund Volsker doch immer wieder neue Heere hätten ins Feld stellenkönnen. Die Entgegnung liegt nahe: jene angeblichen Siege, vondenen nicht der mindeste Erfolg wahrzunehmen ist, werden ebenin Wirklichkeit keine Siege gewesen sein. Doch ist damit dielangjährige, entscheidungslose Dauer jener Kriege noch nicht, er-klärt: der wahre Erklärungsgrund liegt in der Weise der ältestenKriegsführung. Aequer- und Volskerkricge standen noch auf einersehr tiefen Stufe strategischer und taktischer Kunst. Ehe regel-