128 Von der Abschaffung des Königtums bis 91 v. Chr.
Die Schaffung des Volkstribunates war die einschneidendsteVerfassungsänderung, welche in der Entwicklung Roms eingetre-ten war und eingetreten ist. Das Amt war zwar zunächst nurdazu bestimmt, den Geringen und Schwachen „durch eine gewis-sermaßen revolutionäre Hilfsleistgng, auxilium“ gegen den Über-mut der Beamten zu schützen. Ihr Haus mußte Tag und Nachtoffen stehen. Sie durften sich nicht weiter als eine Meile entfer-nen. Sie hatten das Recht, bei den Senatssitzungen anwesend zusein und dort auf einer Bank an der Tür zu sitzen. Sie warensacrosanct und hatten das Recht, durch Intercession und Veto(Einspruch) jeden Senatsspruch zu hemmen. Sie hatten fernerdas Recht, die plebs zu berufen, das heißt, comitia tributa abzuhal-ten. Darin lagen Möglichkeiten von unabsehbarer Tragweite.Man hat daher das Volkstribunat nicht unzutreffend die gesetzlichin Permanenz erklärte Revolution genannt.
Als im Jahre 471 der Gesetzesvorschlag des VolkstribuneuPublilius Volero (lex Publilia: „ut plebei magistratus tributis co-mitiis fierent“) angenommen wurde, war die Wage im Kampfder Stände ausgeschlagen zu Gunsten der Plebejer. Dieplebs erhielt dadurch das Recht eigener staatsrechtlicher Or-ganisation mit souveräner Rechtsmacht. Als der Gesetzes-antrag des Volkstribunen Terentilius Arsa auf Einsetzungeiner Kommission zur schriftlichen Aufzeichnung des gel-tenden Rechts, trotz des heftigsten Widerstandes der Patrizier,im Jahre 462 Gesetz geworden war, und als im Jahre 451 gemäßder lex Terentilia Arsa die Decemvirn zur Aufzeichnung derGesetze (decemviri consulari potestate legibus scribundis) inTätigkeit traten, war der Höhepunkt des Ständekampfes erreicht.Zugleich war eine gewisse Ruhe eingetreten, welche uns Veranlas-sung gibt, auf den Zeitraum seit 494 einen Rückblick zu werfen,welcher die gesamte Situation Roms in dieser Zeit ins Auge faßt.
Seit der Abschaffung des Königtums war Rom nicht nur nichtzur Ruhe gekommen, sondern unausgesetzt staatsbedrohenden Ge-fahren, Erschütterungen, Kämpfen, Anfechtungen von außen undvon innen ausgesetzt gewesen. Welche Bewandtnis es auch mit