Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
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164 Von der Abschaffung des Königtums bis 91 v. Chr.

ihm seinen unmündigen Knaben; für den Fall, daß die Wahl aber-mals durch Einspruch gestört werden würde, traf er Vorkehrun-gen, den Anhang der Aristokratie mit Gewalt von dem Versamm-lungsplatz vor dem capitolinischen Tempel zu vertreiben. Sokam der zweite Wahltag heran; die Stimmen fielen wie an demvorhergehenden, und wieder erfolgte der Einspruch. Der Auf-lauf begann. Die Bürger zerstreuten sich, die Wahlversammlungwar faktisch aufgehoben; der capitolinische Tempel ward ge-schlossen; man erzählte sich in der Stadt bald, daß Tiberius diesämtlichen Tribunen abgesetzt habe, bald, daß er ohne Wieder-wahl sein Amt fortzuführen entschlossen sei. Der Senat ver-sammelte sich im Tempel der Treue (beim Jupitertempel). Dieerbittertsten Gegner des Gracchus führten in der Sitzung dasWort; als Tiberius die Hand nach der Stirn bewegte, um in demwilden Getümmel dem Volke zu erkennen zu geben, daß seinLeben bedroht sei, hieß es, er fordere auf, sein Haupt mit derköniglichen Binde zu schmücken. Der Konsul Scaevola wurdeangegangen, den Hochverräter sofort töten zu lassen. Als dergemäßigte, der Reform an sich keineswegs abgeneigte Mann dasBegehren zurückwies, rief der Konsular Publius Scipio Nasica,ein harter und leidenschaftlicher Aristokrat, die Gleichgesinntenauf, sich zu bewaffnen, wie sie könnten, und ihm zu folgen. Vonden Landleuten war zu den Wahlen fast niemand in die Stadtgekommen; das Stadtvolk wich scheu auseinander, als es die vor-nehmen Männer mit Stuhlbeinen und Knütteln in den Händenzornigen Auges heranstürmen sah; Gracchus versuchte, von we-nigen begleitet, zu entkommen. Aber er stürzte auf der Fluchtam Abhang des Kapitols und ward von einem der WütendenPublius Satureius und Lucius Rufus stritten sich später um dieHenkerehre --- vor den Bildsäulen der sieben Könige am Tempelder Treue durch einen Knüttelschlag auf die Schläfe getötet; mitihm wurden dreihundert andere Männer getötet, keiner durchEisenwaffen. Als es Abend geworden war, wurden die Körperin den Tiberfluß gestürzt. Vergebens bat Gajus Gracchus, ihmdie Leiche seines Bruders zur Bestattung zu vergönnen. Solcheinen Tag hatte Rom noch nicht erlebt.