Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
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Panem et Circenses

war, auf hohem Wagen, in der Tracht eines triumphierenden Feld-herrn, von den Falten der weiten, goldgestickten Purpurtoga um-wallt, darunter die mit Palmzweigen gestickte Tunika, den Elfen-beinzepter mit dem Adler in der Hand. Ein Sklave hielt einengewaltigen Kranz aus goldenen Eichenblättern, mit Edelsteinenbesetzt, über seinem Haupte. Auf dem Wagen oder den Pfer-den saßen wie beim Triumph, seine Kinder. Musik und man-cherlei andere Begleitung ging voraus. Eine Schar von Clien-ten in weißen Togen umgab den Wagen. Der Kaiser Augustus ließ sich als Veranstalter einmal wegen einer Unpäßlichkeit ineiner Sänfte vorantragen, um nicht bei dem Volksfest zu fehlen.

Unter dem Schalle von Flöten und Tuben bewegte die Pro-zession sich feierlich einher; die Bilder der Götter wurden teilsauf Bahren und Thronen getragen, teils auf schön verziertenkostbaren Wagen gefahren, von Maultieren, Pferden und Ele-fanten gezogen. Priesterschaften und andere religiöse Corpo-rationen folgten in genau vorgeschriebenem Ritus.

Wenn das Schauspiel beginnen sollte, ging durch die Mengeein dumpfes Geräusch, gleich dem Gebrause des Meeres. AlleAugen hingen an den gewölbten, durch ein Seil gesperrten Torenauf der Eingangsseite, wo stampfend und schnaubend die zumRennen bestimmten Rosse standen. Der Vorsitzende, der sichauf einem über dem Haupteingange angebrachten Balkon befand,gab das Zeichen zum Anfang, indem er ein weißes Tuch in dieBahn warf. Nun fiel das Seil, das die Tore sperrte, die Wagenstürmten in die Bahn, und ungeheures Geschrei erfüllte die Luft.Bald hüllte (obwohl in den Pausen immer mit Wasser gesprengtwurde) eine dichte Staubwolke die rennenden Wagen ein, aufdenen die Lenker, weit vorgebeugt, ihre Pferde mit Zurufenantrieben.

Das größte Schauspiel aber waren, wie ein christlicherSchriftsteller berichtet, die Zuschauer selbst. Die in bedeutenderWeite sich hinziehenden, hoch übereinander auf steigenden Sitz-reihen waren von einem wogenden Menschenmeer überflutet, unddiese Hunderttausende waren von einer Leidenschaft erfüllt, diean Raserei grenzte. Je mehr das Rennen sich seinem Ende-