Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
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Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit

allem aber aus seinen (in den Jahren 169 bis 176 griechisch ge-schriebenen)Selbstbetrachtungen das Bild seines Vaters undsein eigenes Wesensbild schauen zu können.

Von seinem Adoptivvater Aurelianus Antonius Pius , der am19. September 86 zu Lanuvium, der alten latinisch-volski,sehenHügelstadt geboren war und den am 26. April 121 zu Rom gebo-renen Marc Aurel in dessen 53. Lebensjahr adoptierte, schriebdieser:Mein Vater war mir vorbildlich in seiner Milde, dieeine unerschütterliche Beständigkeit in dem, wofür er sich nachreiflicher Überlegung hatte, nicht ausschloß. Er war ein Ver-ächter eiteln Ruhmes beanspruchter Ehren, ein Freund der Ai-beit und der Ausdauer; er verschloß nie sein Ohr gemeinnützigenVorschlägen anderer und behandelte jeden nach Verdienst, ver-stand es wohl, am rechten Ort die Zügel strammer anzuziehenund nachzulassen; der Jünglingsliebe entwöhnt, widmete ci sichnur dem Staatswohl; er erließ seinen Freunden den Zwang, immermit ihm zu speisen oder auf Reisen stets in seiner Umgebung zusein; wer ihm aber aus dringender Ursache nicht folgen konnte,fand ihn bei der Rückkehr nicht verstimmt. Bei Beratungenprüfte er gründlich und mit Ausdauer und begnügte sich nie mitWahrscheinlichkeiten. Seine Freunde verstand er zu halten,wurde ihrer nie überdrüssig, war aber auch nie unvernünftig ih-nen ergeben. In jeder Lebenslage bewahrte er die Zufriedenheitund Heiterkeit. Für die Zukunft sorgte er gewissenhaft vor undwar ohne viel Aufhebens auf die geringsten Vorfälle gefaßt. DasZujauchzen des Volkes und jegliche Schmeichelei hielt er sichfern. Ein wachsames Auge besaß er für die Staatsbedürfnisseund war sparsam beim Ausgeben öffentlicher Gelder, ertrug auchwillig den Tadel, der ihm deshalb manchtrial erwuchs. In seinemVerhältnis zu den Göttern beherrschte ihn keine abergläubischeFurcht, und den Menschen gegenüber buhlte er nicht um Beliebt-heit durch Gefallsucht oder Begünstigung des Pöbels, vielmehrbesaß er in allem nüchterne Festigkeit, achtete die Sitten und warein Feind unklarer Neuerer. Die Genüsse, die das Leben ange-nehm machen und die das Glück reichlich bot, benutzte er mitMaß und Freiheit, indem er sich dessen, was er hatte, ungesucht