Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
Seite
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Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit 393

erfreute, ohne das, was er nicht hatte, zu vermissen. Niemandkonnte von ihm behaupten, er sei ein Sophist, ein einfältigerSchwätzer oder ein Pedant; sondern jeder mußte zugeben, einenMann von reifem Verstand und großer Vollkommenheit, zu großfür Schmeichelei, fähig sich selbst und andeie wohl zu leiten, vorsich zu haben. Außerdem wußte er wahre Philosophen wohl zuehren, ohne die anderen herabzusetzen oder sich von ihnen leitenzu lassen. Im Umgang war er angenehm und liebte einen maß-vollen Scherz. Seinen Leib pflegte er mit Maßen und nicht wieein Lebemann oder putzsüchtiger Mensch, doch ohne ihn zu ver-nachlässigen, so daß er auch, dank seiner Sorgfalt, fast nie einenArzt gebrauchte. Einer seiner Hauptcharakterzüge aber war, daßer Männern, die irgendeine hervorragende Gabe besaßen, ob nunin der Beredsamkeit, Gesetzeskunde, Ethik oder auf einem son-stigen Gebiete, neidlos den Vorrang ließ, ja ihnen sogar dazu be-hilflich war, die ihren Gaben gebührende Anerkennung zu er-langen.Klugheit und Maßhalten lenkten ihn bei der Veranstal-tung öffentlicher Spiele, bei der Errichtung von Gebäuden, Aus-teilung von Spenden und anderem derart; überhaupt ließ er sichseine Handlungen nur durch das Gebot der Pflicht, nicht durchdie Aussicht auf zu gewinnenden Ruhm vorschreiben. Er badetenicht zur Unzeit, fröhnte keiner übertriebenen Baulust, machte sichnichts aus Leckerbissen, nichts aus feinem Gewebe und auserlese-nen Farben der Gewänder, nichts aus blühender Schönheit seinerSklaven. Seine gewöhnliche Toga stammte von der unteren Villain Lorium, das übrige von Lanuvium. In Tusculum trug er einenOberrock, wegen dessen er sich entschuldigte bei seinen Gästen.Und so war seine ganze Art. Nichts Hartes, Unehrerbietiges,Heftiges lag in ihm, noch etwas, wie man sagt, Unharmonisches,sondern alles war, wie bei guter Muße, wohl überlegt, unerschüt-terlich geordnet, in sich fest und mit sich selbst übereinstimmend.Auf ihn könnte man anwenden was von Sokrates berichtet wird,daß er zu entbehren und zu genießen verstand, wo die großeMenge zum Entbehren zu schwach, zum Genießen zu unmäßiggewesen wäre.