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Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit
Von sich selbst gibt Marcus Aurelius folgende, seine „Selbst-betrachtungen“ eröffnende, Schilderung:
„Von meinem Großvater habe ich das Gutartige und Gelassene.
Von meinem Vater die Männlichkeit, die die Bescheidenheitnicht ausschließt, was man auch ihm nachrühmte.
Von meiner Mutter die Frömmigkeit und Wohltätigkeit; vonihr auch das Bestreben nicht nur bösen Tuns mich zu enthalten,sondern auch schon schlimmer Gedanken; ihr verdanke ich endlichdie schlichte Lebensweise, die sich fernhält von herrischem Prunk.
Meinem Urgroßvater danke ich es, daß ich die öffentlichenSchulen nicht besuchen mußte; gab er mir doch zu Hause guteLehrer und ließ mich erkennen, daß man hierin unermüdlich sichverschwenden müsse.
Mein Erzieher lehrte mich, im Circus weder für die „Grü-nen“ noch für die „Blauen“, beim Gladiatorenkampf weder fürdie Rundschilde noch für die Langschilde mich zu ereifern; da-gegen unterwies er mich, wie man Anstrengungen erträgt, sichmit wenigem begnügt, bei allem selbst Hand anlegt und sich fern-hält von Dingen, die einen nichts angehen; auch flößte er mirWiderwillen gegen Angeberei ein.
Von Diognetus lernte ich den Haß gegen alles Eitle und dieUngläubigkeit gegenüber dem Geschwätz der Gaukler, Beschwö-rer, Wahrsager und dergleichen und die Verachtung der Wachtel-pflege*) und ähnlicher Torheiten; wohl aber lehrte er mich, einfreies Wort zu ertragen und mir die Philosophie zum Lebensin-halt zu machen; so ließ er mich zuerst den Bacchius, dann denTandasis und Marcianus hören und beschäftigte meinen jugend-lichen Geist mit Entwerfen von Dialogen und gab mir die Freudeam einfachen, nur mit einem Tierfell bedeckten Nachtlager undallem anderen zur Lebensart griechischer Weisen Gehörigen.
Von Rusticus bekam ich die Überzeugung eingeprägt, ichmüsse an der Ausbildung und Besserung meines Charakters arbei-
*) Vogelhäuser, in welchen seltene und kostbare Tiere, mit wechseln-dem Modegeschmack gezüchtet und abgerichtet wurden, darunter zeitweisedie Wachtel, gehörten seit Jahrhunderten zu jeder Villa in Rom (Marquardt,Das Privatleben der Römer, Leipzig , 2. A., 1886, S. 431).