Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
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Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit 395

ten, alle sophistische Leidenschaft vermeiden, nicht über leereTheorien Schriftstellerei treiben, keine Sittenpredigten halten,noch in augenfälliger Weise den Asketen oder Menschenfreundspielen; er bewahrte mich auch vor jedem rhetorischen und poeti-schen Wortgepränge, jeder Schönrednerei, vor Kleiderluxus undall derartigem. Er lehrte mich die Schlichtheit im Briefstil, wieer sie selbst anwandte in einem aus Sinuessa an meine Mutter ge-schriebenen Brief, die Versöhnlichkeit und das Entgegenkommenmeinen Widersachern und Beleidigern gegenüber, sobald sie selbstzum Einlenken bereit seien; er unterwies mich in der Kunst, mitAufmerksamkeit zu lesen und nicht mit oberflächlichem Darüber -hinweggleiten zufrieden zu sein, noch Schwätzern so ohne weite-res zuzustimmen. Er machte mich auch mit Epiktets Gedankenbekannt, die er mir aus seiner Bebliothek mitteilte.

Von Appolonius habe ich die Geistesfreiheit, die die Be-dachtsamkeit nicht ausschließt und in allem nie etwas anderes alsdie Vernunft zum Leitstern wählt; ihm verdanke ich die stetigeSeelenruhe auch unter den heftigsten Schmerzen, beim Verlusteines Kindes, in langwierigen Krankheiten. Er gab mir ein le-bendiges Beispiel, wie man tiefen Ernst mit Nachsicht verbindenkönne. Beim Unterricht war er nie verdrießlich und war auf seineGeschicklichkeit und Gewandheit im Vortrag nie eingebildet.Endlich zeigte er mir auch, wie man sogenannte Gefälligkeiten vonFreunden annehmen müsse, ohne dafür sich zu demütigen oderunerkenntlich sie außer acht zu lassen.

Von Sextus lernte ich das Wohlwollen, er war mir das Vor-bild eines echten Familienvaters und erweckte in mir die Einsicht,wie man nach den Gesetzen der Natur leben müsse; er besaß eineungezwungene Würde des Benehmens, war sorgsam, die Wünscheseiner Freunde zu erraten, besaß Milde gegen die Unwissendenund die Leute, die unüberlegt urteilen, und verstand die selteneKunst, sich in alle Menschen zu schicken. So lag im Umgangmit ihm mehr Süßigkeit als in aller Schmeichelei, und er erfreutesich bei denselben Menschen stets der größten Hochachtung. Erentwickelte in mir die Fähigkeit, die zur Lebensweisheit erforder-lichen Grundsätze in klarer und regelrechter Weise zu finden und