396 Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit
zu verknüpfen. Niemals sah man diesen Mann in zorniger Auf-wallung oder sonst einer Leidenschaft hingegeben, aber trotz die-ser Leidenschaftslosigkeit entfaltete er herzgewinnende Liebens-würdigkeit; er legte Wert auf einen guten Ruf, doch ohne vielAufhebens; er besaß vielseitiges Wissen ohne Pedanterie.
Alexander der Grammatiker belehrte mich, wie man schonendund ohne Tadel und verletzende Vorwürfe mit Leuten, die einenfremdartigen oder sprachwidrigen oder übelklingenden Ausdruckbrauchten, umgehen müsse; er nannte an Stelle des unrichtigenAusdrucks einfach den richtigen und zwar so, daß es nie wie eineKorrektur aussah, sondern als sei es eine Antwort oder Bestäti-gung oder handle sich um eine gemeinsame Untersuchung über dieSache selbst, nicht über das betreffende Wort, oder er legte esauf eine sonstige passende Weise, die gerade der Unterricht mitsich brachte, nahe, wie man hätte sagen sollen.
Fronte erweckte in mir die Einsicht, daß Mißgunst, Ränke-sucht und Verstellungskunst von der Willkürherrschaft verur-sacht werden und daß im allgemeinen die, welche wir die Edelge-borenen nennen, weniger Menschenliebe besitzen als die andern.
Von Alexander, dem Platoniker, lernte ich, niemals ohne Notjemandem mündlich oder schriftlich zu erklären, ich hätte für ihnkeine Zeit, und nicht auf diese Weise unter dem Vorwand drin-gender Geschäfte die Pflichten beständig zurückweisen, die unsdas Zusammenleben mit den Mitmenschen auferlegt.
Catulus ermahnte mich, Klagen eines Freundes, auch wennsie unbegründet seien, nie geringschätzig hinzunehmen, sondernmich zu bemühen, sein Vertrauen wiederzugewinnen; ferner auch,von meinen Lehrern nur Gutes zu reden wie das von Domitius undAthenodotus gerühmt wird, und meinen Kindern ein wahrhaftliebender Vater zu sein.
Mein Bruder Severus war mir ein Vorbild in der Liebe zumeinen Verwandten, in der Liebe zu Wahrheit und Gerechtigkeit;er machte mich bekannt mit einem Thraseas, Helvidius, Cato,Dien und Brutus und gab mir die Vorstellung von einem freienStaat mit vollkommener Rechtsgleichheit für alle ohne Unter-schied und von einem Reiche, in welchem die Freiheit der Unter-