Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
Seite
397
Einzelbild herunterladen
 

Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit 397

tauen höher gilt als alles; er prägte mir die unwandelbare Hoch-achtung für die Philosophie ein, die Wohltätigkeit und Freigebig-keit, die hoffnungsfrohe und vertrauende Liebe zu meinen Freun-den; etwaige Mißbilligung aber lernte ich ihnen gegenüber ohneRückhalt auszusprechen und ihnen offenherzig vor Augen zu füh-ren, was ich von ihnen erwarte, was nicht, ohne daß sie erst langeim unklaren bleiben.

Maximus gab mir die goldene Lehre der Selbstbeherrschungund des unbeirrten Fortschreitens auf dem einmal eingenomme-nen Wege; sei guten Mutes in allen Lebenslagen, pflegte er zu sa-gen, besonders aber in den Krankheiten! Suche dir einen ausMilde und Würde gemischten Charakter anzueignen, und ver-richte die vorliegenden Geschäfte ohne Murren! Von ihm glaubtejeder, er rede, wie er denke, und handele immer nur in reinsterAbsicht; Bewunderung und Staunen waren ihm gleich fremd,nicht minder Übereilung und Saumseligkeit; Verlegenheit, Trost-losigkeit und unechte Freundlichkeit kannte er nicht, nie sah manihn zornig oder in schlechter Laune; in seiner Wohltätigkeit,Großmut und Wahrheitsliebe zeigte er eher das Bild eines fertigenMannes als eines sich erst mühsam heranbildenden. Nimmerkonnte man meinen, von ihm verachtet zu werden, noch anderer-seits es wagen sich besser zu dünken. Im Scherz endlich war erstets taktvoll und geistreich.

V.

Mit Nerva begann ein glückliches Jahrhundert, welches zweibis dahin unvereinbare Dinge miteinander verband, Principat undFreiheit. An dieses prägnante Wort des Tacitus sei hier eineauf den Gesichtspunkt der neuen freien sittlichen Geistigkeit zu-gespitzte Würdigung des Wirkens der Vorgänger der beiden ei-gentlichen Antonine geknüpft: Nerva, Trajan, Hadrian .

Nerva , der als zweifacher Konsular und Ö4jähriger Senatordurch die Mörder Domitians und durch den Senat auf den Thronerhoben wurde, hat in seiner iömonatigen Regierung zunächsteinige Schuldposten der Domitianischen Regierung zu berichtigenunternommen indem er die Majestätsprozesse mit allgemeiner