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welcher die koloniale Eroberung fast des gesamten Mittelmeersdurch das Griechentum bedeutet. *)
Es ist bekannt, daß die Griechen die Anlegung von Kolo-nien nicht nur als Ventil für Übervölkerung oder als Flucht voreindringenden Eroberern (wie 540 die kleinasiatischen Griechenvor den Persern) Vornahmen, sondern daß sie in der Anlegungvon Kolonien eine der vornehmsten Aufgaben ihrer Städte er-blickten. Es ist ferner bekannt, daß die griechischen Kolonial-städte allzeit im engsten Zusammenhang mit den Mutterstädtenblieben und deren Kulturblüte vielfach iibertrafen.
VIII.
Wir halten hier in unserer Darstellung inne, um einer Ver-ständigung darüber Raum zu geben, was wir unter griechischerKultur und was wir unter der Einwirkung griechischer Kulturauf Rom verstehen.
Es ist für unsere Betrachtung von untergeordnetem Wert,zu wissen, welche einzelnen Einrichtungen, Techniken, Gewohn-heiten und Ritualien, Geräte, Kleidungsstücke, Waffen, Instru-mente oder Bauformen von Hellas nach Rom gekommen sind.Es gilt vielmehr, das ganze Verhältnis der beiden großen Kultur-komplexe, aus welchen sich das Gesamtbild des klassischen Alter-tums zusammensetzt, wesensgemäß zu erschauen.
In dem Ausdruck „griechische Kultur“ sind zwei verschie-dene Dinge versteckt: ein objektiver geschichtlicher Tatbestandund ein durch Werturteil und Willensentscheidung bestimmtersubjektiver Vorstellungskomplex. Beides zu scheiden ist nötig,damit wir Klarheit haben.
Der geschichtliche Tatbestand hat zeitliche, örtliche, persön-liche Grenzen. Er umfaßt:
1) zeitlich die Jahresziffern 1500 v. Chr. bis 300 n. Chr.,
*) Äußerlich war charakteristisch für die Reihe dieser Mittelmeer -Kolo-nien, welche alle nahe der Meeresküste an oder auf einer Berghöhe lagen,der die Berghöhe krönende, über dem weißsandigen oder felsigen Strand ra-gende, weit über die blaue See leuchtende Tempel sei es des Poseidon, desAppollon oder der Artemis .