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Die Frage, in wieweit griechische Kultur in diesem Sinnauf Rom übergegangen ist, kann hier nicht im entferntesten aus-geschöpft werden. Aber es soll versucht werden, Richtlinienfür die Beantwortung der Frage zu ziehen.
IX.
Die von einzelnen Historikern als Spezialität gepflegte Un-tersuchung „Was haben die Römer von den Griechen 5 “ hat unteranderem zu der Feststellung geführt, daß in zwei verschiedenenvor dem Jahr 509 v. Chr. liegenden Zeitabschnitten eine Bezie-hung griechischer Kultur zu der latinischen Küste stattgefundenhaben muß, welche ein frühes Vorkommen griechischerKulturmomente in der Stadt Rom erklären kann. Der ersteVorgang ist ein später verschwundener Seeverkehr kleinasia-tischer Griechenschiffe an der latinischen Küste vor dem Jahre1000 v. Chr. Der zweite Vorgang ist die durch die Griechen-freundlichkeit der drei Tarquinischen Könige (Cicero, Rep. II,19, 34) vermittelte Beziehung Roms zu Cumac, Velia und Massi-lia. Während jene älteste vor der Gründung Roms liegende Be-ziehung zum Tibergebiet ganz im Dunkeln liegt, wird der Tar-quinischen Beziehung eine Reihe positiver Verpflanzungen grie-chischer Einrichtungen nach Rom zugeschrieben, so insbesondere,daß die griechische Buchstabenschrift nach Rom kam, ferner dieÜbernahme der Sibyllinischen Bücher, die Einführung griechi-scher Götterkulte (Appollon, Artemis), die antropomorphistischeDarstellung der Götter anstatt der etruskischen Symbolik, dieEinführung griechischen Gesanges und Tanzes nebst griechischenSaiteninstrumenten. Unterstützt werden die Nachrichten überdie Tarquinisch-Griechischen Beziehungen durch die Tatsache,daß Tarquinius Superbus sich nach seinem Sturz nach Cumae zurückzog und dort bei dem Tyrannen Aristodemos starb. Wieeine verspätete Folge der internationalistischen Kulturneigungder Tarquinier erscheint es, daß der im Jahre 496 v. Chr. vondem Diktator Aulus Postumius gelobte, im Jahre 493 von Spu-rius Cassius geweihte Tempel der Ceres, welcher unterhalb desAventin lag, als von griechischen Künstlern aufgeführt und aus-