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die Aufgabe seines Lebens die Geschichte der Einigung der Mit-telmeerstaaten unter der Hegemonie Roms zu schreiben. Vomersten Punischen Krieg bis zur Zerstörung von Karthago undKorinth faßt sein Werk die Schicksale der sämtlichen Kulturstaa-ten, d. h. Griechenlands, Macedoniens, Kleinasiens, Syriens ,Ägyptens, Karthagos und Italiens zusammen und stellt derenEintreten in die römische Schutzherrschaft im ursächlichen Zu-sammenhang dar; insofern bezeichnet er es als sein Ziel, dieZweck- und Vernunftmäßigkeit der römischen Hegemonie zu er-weisen. In der Anlage wie in der Ausführung steht diese Ge-schichtsschreibung in scharfem und bewußtem Gegensatz gegendie gleichzeitige römische wie gegen die gleichzeitige griechi-sche Historiografie. Zuerst Polybios , ein Peloponneser, wie manmit Recht erinnert hat, und geistig den Attikern wenigstensebenso fernstehend wie den Römern, behandelte den Stoff mithellenischgereifter Kritik. Die Wahrhaftigkeit ist ihm Natur. Inallen großen Dingen hat er kein Interesse für diesen oder jenenStaat, sondern einzig allein für den wesentlichen Zusammenhangder Ereignisse. Polybios ist kein liebenswürdiger Schriftsteller;aber wie die Wahrheit und Wahrhaftigkeit mehr ist als alle Zierund Zierlichkeit, ‘so ist vielleicht kein Schriftsteller des Alter-tums zu nennen, dem wir so viele ernstliche Belehrung verdankenwie ihm. Seine Bücher sind wie die Sonne auf diesem Gebiet; wosie anfangen, da heben sich die Nebelschleier, und wo sie endigen,beginnt eine neue vielleicht noch lästigere Dämmerung.“
IV.
Wir haben an die Geschichte Roms und an die GeschichteGriechenlands die Frage gerichtet, in welchem Maße und in wel-cher Weise nach 272 v. Chr. sich griechisch-römische Kulturbe-einflussung in persönlichem Verkehr vollzogen habe. Es warenbisher die Lebensläufe der in den Jahren 272, 204, 168 v. Chr.nach Rom gekommenen Griechen Andronikos, Ennius , Polybios,welche uns Antworten gaben, die kein Schema lieferten, anstattdessen aber die überzeugende Lebendigkeit eines breitflutendenLebensstromes darboten. Griechen waren nach Rom gekom-