Teil eines Werkes 
2 (1933) Von der Zeit des Kaisers Konstantin bis auf die Neuzeit
Entstehung
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Innere Befruchtung der römischen Kultur usw.

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VI.

Die Schilderung des Hellenentums während der römischenKaiserzeit verdanken wir außer dem Dio Cassius (ca. 155 bisnach 200) besonders dem Lukianos (120190) aus dessen kri-tischen und vergleichenden Darstellungen folgende Mitteilun-gen und Eindrücke mitgeteilt seien.

In keinem Lande der antiken Welt sind die Sklaven mitsolcher Humanität behandelt worden wie in Hellas. Nicht dasRecht, aber die Sitte verbot dem Griechen, seine Sklaven an einennicht griechischen Herrn zu verkaufen und verbannte somit ausdieser Landschaft den eigentlichen Sklavenhandel. Nur hier fandman in der Kaiserzeit bei den Bürgerschmäusen und den Ölspen-den an die Bürgerschaft auch die unfreien Leute bedacht. Nurhier konnte ein unfreier Mann, wie Epiktetos unter Traian, inseiner mehr als bescheidenen äußeren Existenz, in dem epiroti-schen Nikopolis mit angesehenen Männern senatorischen Standesin der Weise verkehren wie Sokrates mit Kritias und Alkibiades,so daß sie seiner mündlichen Belehrung wie Schüler dem Meisterlauschten.

Unübertrefflich schildert der Verfasser eines unter den lu-kanischen erhaltenen Dialogs das Verhalten des feinen athenischenStadtbürgers in seinen engen Verhältnissen gegenüber dem vor-nehmen und reichen reisenden Publikum zweifelhafter Bildungoder auch unzweifelhafter Rohheit: wie man es dem reichen Aus-länder abgewöhnte, im öffentlichen Bade mit einem Heer von Be-dienten aufzuziehen, als ob er seines Lebens in Athen nicht ohne-hin sicher und nicht Frieden im Lande sei; wie man es ihm abge-wöhnte, auf der Straße sich mit dem Purpurgewand zu zeigen,indem die Leute sich freundlich erkundigten, ob es nicht das sei-ner Mama sei. Er zieht die Parallele zwischen römischer undathenischer Existenz: dort die beschwerlichen Gastereien unddie noch beschwerlicheren Bordelle, die unbequeme Bequemlich-keit der Bedientenschwärme und des häuslichen Luxus, die Lä-stigkeiten der Liederlichkeit, die Qualen des Ehrgeizes, all dasÜbermaß, die Vielfältigkeit, die Unruhe des hauptstädtischenTreibens; hier die Anmut der Armut, die freie Rede im Freun-