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wir es in so vielen Basiliken noch heute sehen, das Bild Christi und der Apostel; an die Stelle der Weltherrscher, die selber alsGötter betrachtet wurden, trat der Menschensohn, Gottessohn.Die localen Gottheiten wichen, verschwanden. An allen Land-straßen, auf der steilen Höhe des Gebirges, in den Pässen durchdie Talschluchten, auf den Dächern der Häuser, in der Mosaikder Fußböden sah man das Kreuz. Es war ein entschiedenervollständiger Sieg. Das Menschengeschlecht war nunmehr seinerselbst inne geworden: es hatte seine Einheit in der Religion ge-funden.
Dieser Religion gab nun überdies das römische Reich ihreäußere Gestalt.
Die heidnischen Priestertümer waren wie bürgerliche Ämtervergeben worden; in dem Judentum war ein Stamm mit der geist-lichen Verwaltung beauftragt; es unterscheidet das Christentum,daß sich in demselben ein besonderer Stand, aus Mitgliedern zu-sammengesetzt, die ihn frei erwählten, durch Handauflegung gehei-ligt, von allem irdischen Tun und Treiben entfernt, „den geistli-chen und göttlichen Geschäften“ zu widmen hatte. Anfangs be-wegte sich die Kirche in republikanischen Formen; aber die ver-schwanden, je mehr der neue Glaube zur Herrschaft gelangte.Der Clerus setzte sich nach und nach den Laien vollständig ge-genüber.
Es geschah dies, dünkt mich, nicht ohne eine gewisse innereNotwendigkeit. In dem Emporkommen des Christentums lageine Befreiung der Religion von den politischen Elementen. Eshängt damit zusammen, daß sich dem Staate gegenüber ein abge-sonderter geistlicher Stand mit einer eigentümlichen Verfassungausbildete. In dieser Trennung der Kirche von dem Staate be-steht vielleicht die größte, am durchgreifendsten wirksame Eigen-tümlichkeit der christlichen Zeiten überhaupt. Die geistliche unddie weltliche Gewalt können einander nahe berühren, in der eng-sten Gemeinschaft stehen; völlig zusammenfallen können sie höch-stens ausnahmsweise und auf kurze Zeit. In ihrem Verhältnis,ihrer gegenseitigen Stellung zueinander beruht seitdem eines derwichtigsten Momente aller Geschichte.