Heidentum und Christentum
531
Im Jahre 382 gab Kaiser Gratian den Befehl, diesen Altaraus dem Senatshaus zu entfernen.
Die Grundzüge der Geschehnisse teilen wir nach F. Grego-rovius mit:
Die Victoria war die eherne Statue einer geflügelten Jung-frau von erhabener Schönheit, welche, einen Lorbeerkranz in derHand, auf der Weltkugel stand. Dies tarent.ische Meisterwerkhatte einst Caesar in seiner Curia Julia über dem Altar aufge-stellt. Augustus hatte denselben mit den Spolien Ägyptens ge-schmückt, und seit jener Zeit wurde keine Senatssitzung ohneOpfer vor diesem Nationalheiligtum, „der jungfräulichen Hü-terin des Reichs“, eröffnet. Der Altar war von Constantius ent-fernt, von Julian jedoch wieder aufgestellt worden. Als ihn nunGratian hinwegschaffte, schickte der in seiner Mehrheit heidnischeSenat den Präfccten und Pontifex Quintus Aurelius Sym-machus, einen ehrwürdigen Mann von berühmten Geschlecht, dasHaupt der heidnischen Partei, an den Hof in Mailand , um vondiesem die Wiederherstellung des Kultus der Siegesgöttin zuerlangen.
Die bewegte Rede, welche Symmachus für seine Gesandt-schaft im Jahre 384 aufsetzte, ist einer der letzten Proteste dessterbenden Heidentums.
„Es scheint mir“, so sagte Symmachus den Kaisern Gratian und Valentinian , „als stehe Roma vor euch, und als spreche siealso zu euch:
Trefflichste Fürsten , Väter des Vaterlandes, habt Ehrfurchtvor dem Alter, zu welchem mich die heilige Religion gelangenließ. Es sei mir vergönnt dem Kultus der Väter zu folgen; ihrwerdet es nicht zu bereuen haben. Dieser Kultus hat die Weltmeinen Gesetzen unterworfen, diese Mysterien haben Hannibalvon den Mauern, und die Semnonen vom Kapitol zurückgetrie-ben. Soll ich dazu erhalten sein, um in meinem Greisentum zu-recht gewiesen zu werden?“
Aber die Rhetorik des Hohenpriesters des machtlos gewor-denen Jupiters war dem Geiste der neuen Zeit und der Rede-kunst des Bischofs Ambrosius von Mailand nicht gewachsen.