Teil eines Werkes 
2 (1933) Von der Zeit des Kaisers Konstantin bis auf die Neuzeit
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Abwanderung der Westgoten

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der Welt selbst zu betrachten, sahen dieses Heiligtum plötzlichentweiht und zerstört, und indem der Glaube an die Dauer dermenschlichen Ordnung dadurch erschüttert wurde, scheint derallgemeine Ruin hereingebrochen zu sein, wie ihn Propheten undSibyllen geweissagt hatten.Wer konnte glauben, daß Rom ,welches aus den Spolien der ganzen Erde erbaut war, zusammen'stürzen, und daß die Stadt zugleich Wiege und Gruft ihrer Völ-ker werden sollte? daß alle Gestade Asiens , Ägyptens und Afri-kas von den Sklavinnen und Mägden Roms, der ehemaligenHerrin, sich erfüllen würden? daß die heilige Betlehem täglichMänner und Frauen, die einst von Adel und Überfluß des Reich-tums geglänzt hatten, als Bettler aufnehmen sollte?Das Losder Römer war furchtbar und bejammernswert. Der politischeNimbus der ewigen Stadt war für immer ausgelöscht. Nachdemsie den ersten Fall getan hatte, mußte sie nach den Gesetzen derDinge immer tiefer stürzen, und der Philosoph jener Tage konntedas schreckliche Dunkel kommender Jahrhunderte voraussehen,wo Rom in seine Trümmer zurückgesunken nichts mehr war alseine Totenstätte, auf welcher zwischen umgestürzten Kaiser-bildern statt des Thrones des Imperators der Stuhl eines Bi-schofs stand. Die Aristokratie, mit den uralten Einrichtungendes öffentlichen Lebens verzweigt, die herkömmliche Stütze derStadt und des Staates, war aus Rom entwurzelt und über dieProvinzen der Welt zerstreut. Plötzlich aus dem Besitz ihrerReichtümer in bettelhafte Entblößung verstoßen, entsetzten dieSprößlinge der berühmten, edlen Geschlechter die fernsten Län-der des Reichs durch den kläglichen Anblick ihres hoffnungslo-sen Elends.

II.

Den Goten wurde ihr vergötterter König auf dem Zug nachItaliens Südküste durch tödliche Krankheit entrissen.

Auf dem Grund des Flusses bei Cosenza bestatteten sie ihnnach Gotensitte.

Ihr Ziel Sicilien oder Afrika erreichten sie nicht. Siezogen nach dem Norden zurück ohne Rom zu berühren.

Im Jahre 412 verließen sie Italien für immer.