Abwanderung der Westgoten
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In Italien machte er an der Stelle Halt, wo der Mincius sichin den Po ergießt.
Zwischen Attila und Rom stand jetzt weder eine Festungnoch ein Heer. An der festen Absicht Attilas, nunmehr Rom zu zerstören und an der Ausführbarkeit dieser Absicht zweifelteniemand und konnte auch nicht gezweifelt werden.
In dieser Not entschieden sich Kaiser und Senat zu einerfeierlichen Gesandtschaft, um vom Hunnenkönige der „GeißelGottes“, den Frieden und Schonung zu erbitten.
Als angesehenste Männer Rom’s wurden das Haupt des Se-nates Gennadios Avienus, ferner die ehemalige prätorische Prä-fect Italien’s Trigotius und der Bischof Leo ausgewählt.
Die römischen Abgeordneten trafen Attila In dem \etwa400 Kilometer von Rom entfernten Lager am Mincius, 40 Ki-lometer südlich von Mantua.
Als die Gesandten in das Zelt des Königs geführt wurden,fanden sie ihn zugänglicher, als sie hoffen durften.
Die Erinnerung an den plötzlichen Tod, welcher den Goten-könig Alarich nach der Einnahme Rom’s hingerafft hatte, und aufwelchen mit glänzender Redekunst der Bischof Leo als Sprecherhinwies, so sagte man später, habe auf das Gemüt des abergläu-bischen Hunnenkönigs, wie .auch auf dessen Umgebung, tiefenEindruck gemacht, und habe die Freunde Attilas bestimmt, demKönig zur Umkehr zu raten.
Eine berühmte Legende sagt folgendes: Attila habe neben demihn ermahnenden Leo die übernatürliche Gestalt eines ehrwürdigenGreises in priesterlichem Gewände erblickt, welcher ihm mit ent-blößtem Schwert den Tod drohte und gebot, den Worten des hei-ligen Bischofs zu gehorchen. Der Vorgang ist von Rafael in ei-ner der Stanzen des Vatican, von Algardi in einer Kapelle derPeterskirche so dargestellt, daß Attila zurückbebt, wie er dieApostel Petrus und Paulus mit gezogenen Schwertern über sichin der Luft erblickt.
Unzweifelhaft ist, daß Attila am 6. Juli 452 der römischenGesandtschaft seinen Entschluß eröffnete, den beabsichtigten Zug