Untergang des weströmischen Kaisertums 571
Indessen würde es andererseits der eigentlichen Aufgabe un-serer Darstellung zuwiderlaufen, wenn wir die grundsätzlicheAusschließung der nicht stadtrömischen Vorgänge mechanischdurchführen würden. Wir werden auch weiterhin die von drau-ßen, auch die aus weiter Entfernung kommenden in Rom wirksamwerdenden Kräfte und Geschehnisse, in ihren großen Zusammen-hängen zu erkennen und ins Licht zu stellen suchen, nur nichtin breiter Darlegung, sondern in möglichst prägnanter Kürze.
II.
Wir berichten zunächst über die Zeit von 423 bis 455.
Nach dem am 23. August 423 erfolgten Tode des Honoriususurpierte der Geheimschreiber (Primicerius der Notare in Ra-venna) Johannes die Regierungsgewalt, bis im Jahre 425 desHonorius Schwester Galla Placidia , mit Hilfe einer byzantini-schen Flotte, ihrem Sohn Valentinian die Thronfolge erzwang,dessen Vormundschaft sie übernahm und bis zu ihrem Tode fort-setzte, „ebenso begierig nach Herrschaft, als unfähig dazu, wieauch zur Erziehung ihres Sohnes' - . *)
Den Johannes ließ Placidia hinrichten. In Rom ließ sie ih-rem 7-jährigen Sohn durch Helion, den Bevollmächtigten desoströmischen Kaisers, das kaiserliche Purpurgewand verleihen.Sodann nahm sie mit ihm, dem Knaben, in dem festen RavennaResidenz. Später nahmen der Kaiser und seine Mutter öfter unddauernd Aufenthalt in Rom. Placidia pflegte in Rom mit denbedeutenden römischen Bischöfen Coelestin V . (422—432),Sixtus III. (432—440), Leo I. d. Gr. (440—461) enge politischeund religiöse Beziehungen in stark betontem Religionseifer und
*) Nach zeitgenössischer Schilderung erscheint Valentinian in folgenderCharakterisierung: „In weibischer Weichlichkeit, ja unter Ausschweifungenaufgewachsen, welche die eigene Mutter zuließ, in täglichem Verkehr mitabergläubischen, zweideutigen oder gar schlechten Menschen, war Valentinian unfähig zu jeder männlichen Tat, durch die das Verderben seines in allenStänden und Teilen dahinsiechenden Reiches hätte aufgehalten werden kön-nen. Ein blinder Nachbeter orthodoxer Glaubensformeln huldigte er zugleichheidnischem Orakel- und Beschwörungs-Unfug.“
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