Teil eines Werkes 
2 (1933) Von der Zeit des Kaisers Konstantin bis auf die Neuzeit
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Untergang des weströmischen Kaisertums

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den konnten, so mag man sich Rom seit der Mitte des V. Jahr-hunderts vorstellen als die feierliche Ruhe der Stadt Trajans ,in deren majestätischen Räumen die Volksbewegung in dasSchweigen des Grabes sich zu verwandeln begann.

V.

Am io. Juli 455 wurde in Tolosa (Toulouse ) von Heer undVolk Flavius Maecilius Avitus, ein in Gallien zu hoher Beliebt-heit gelangter, hochgebildeter und gütiger, bejahrter Mann alsKaiser eingesetzt.

Der römische Senat erkannte die Einsetzung an und ludAvitus ein, nach Rom zu kommen. Dort wurde Avitus feierlichbestätigt. Aber die allgemeine Stimmung in Rom wendete sichschnell und hastig gegen ihn. Der Senat ächtete ihn, er flohin seine Heimat, die Auvergne . Dort wurde er im September 456auf der Straße ermordet.

VI.

Sechs Monate lang blieb der Thron unbesetzt.

Der Oberfeldherr der barbarischen, das heißt der meist ger-manischen, Hilfstruppen Roms, war der Sueve Ricimer . Dieserhatte durch Ausbildung seines Heeres zum selbständigen Söld-nerheer eine Macht erlangt, welche er dazu benutzte, unter demNamen eines Patricius, den er sich am 28. Februar 457 vom Se-nat hatte verleihen lassen, über den Senat und über den Kaiserselbst zu herrschen, ja den Kaiser selbst zu ernennen.

Gestützt außerdem auf unermeßliche Reichtümer konnteRicimer dennoch nicht wagen, mit einem Gewaltstreich dem Reichder Römer ein Ende zu machen, und den Titel des Patricius mitdem des Königs zu vertauschen.

Der Senat in Rom lieferte immer wieder einmal Beweisepolitischer Gesinnung, und es gab noch Männer vom höchstenAnsehen, welche, wie Gennadius Avienus und Caecina Basilius,in dem erlauchten Chor der Senatoren, nächst dem bepurpurtenHerrscher, als Fürsten gelten konnten. So schrieb Apollinarius