Untergang des weströmischen Kaisertums
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Die Ausrufung des Julius Nepos als Kaiser fand am 24. Juni474 statt. Aber schon am 28. August 475 mußte er aus Ravennaüber das Meer nach demselben Salona entweichen, wohin er Gly-cerius verbannt hatte.
Julius Nepos wurde verdrängt durch einen gewissen Orestes,einen Römer aus Pannonien. Dieser war ehemals Geheimschrei-ber des Attila gewesen. Nach dem Tode des Ricimer erwähltedas aufständische Söldnerheer ihn zum Führer und bot ihm dieKrone Italiens an. Orestes aber ließ anstatt dessen am 31. Ok-tober 475 seinen vierzehnjährigen Sohn Romulus Augustus aus-rufen, welchen man wegen seiner Jugend Augustulus nannte undals dessen Vorzüge seine Knabenschönheit sowie der Umstand ge-rühmt wurde, daß er den Namen des ersten römischen Königsund des ersten römischen Kaisers in seiner Person verband.
Orestes behielt als Patricius und Oberbefehlshaber die Machtin der Hand. Aber noch vor Ablauf eines Jahres wurde Orestesenthauptet und Augustus gestürzt.
Der Anlaß war ein Aufstand der gotischen Söldner wegenNichtbefriedigung ihrer Forderung auf Gewährung von freiemLand. Die Goten hatten seinerzeit die Abtretung ganzer Pro-vinzen verlangt und erreicht. Die Söldner des Westreiches ver-langten die Anweisung eines Drittels der italischen Ländereienals Eigentum.
Die Folgen ermessend weigerte Orestes sich, in das Begeh-ren zu willigen.
Da brach in seinem Lager in Ober-Italien der Aufstand aus.Dieser Aufstand fand bald einen Führer.
XII.
Odoaker , einer der Hauptleute der kaiserlichen Leibwachewurde von den Truppen als Führer ausgerufen und stellte sichan die Spitze des Aufstandes.
Von der Herkunft und Jugend dieses merkwürdigen Man-nes ist nichts Gewisses bekannt. Der gewöhnlichen Annahme
Neomario, Geschichte der Stadt Rom II.
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