Teil eines Werkes 
2 (1933) Von der Zeit des Kaisers Konstantin bis auf die Neuzeit
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Theodorich der Große

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lieh klar, wie herrlich der Pomp dieser Welt sei. Der armeFlüchtling richtete jedoch, über sich selbst erschreckend, seineBlicke von der weltlichen Pracht Roms gen Himmel, und über-raschte einen Schwarm umstehender Römer mit dem plötzlichenAusruf:Wie schön muß nicht das himmlische Jerusalem sein,wenn schon das irdische Rom in solcher Herrlichkeit erstrahlt!*)

Der König verweilte in Rom nach seinem Einzug noch6 volle Monate. In dieser Zeit tat der nimmer rastende Fürstunablässig Regierungsarbeit zum Besten der Stadt Rom . Er wid-mete sich dem Studium der Stadt Rom , ihres Bauwesens, ihrerFinanzen, ihrer Wirtschafts- und Kulturverhältnisse und allerihrer Bedürfnisse in einer Art, welche die Bewunderung seinerMinister und der ganzen Bevölkerung Roms erregte.

Wir haben davon genaue Kenntnis durch den Text seinerzahlreichen Reskripte, welche meistens aus der Feder seines Mi-nisters und vertrauten Freundes, des Schriftstellers Cassiodorius(vielfach Cassiodorus, deutsch Kassiodor genannt) im Jahre575 über ioo Jahre alt gestorben hervorgingen, außerdemdurch ausführliche Berichte und lebendige Schilderungen von-seiten des Cassiodorius und der Schriftsteller Ennodius (473521) und Boetius (474523).

Theodorichs Wirken zum Besten der Stadt war von zweierleiArt: einerseits Gesetze, Verordnungen, Ansprachen, Demonstra-tionen, andererseits Bauten und Organisationen, Schutzeinrich-tungen, Einsetzung von besonderen Beamten, Bereitstellung vonGeldmitteln, Baumaterialien, Getreide. Außerdem war von star-

*) Die Äußerung ist lateinisch überliefert: quam speciosa potest esseHierusalem coelestis, si sic fulget Roma terrestris. Man hat aus ihr mitUnrecht Schlüsse auf den baulichen Zustand der Stadt im Jahr 500 gezogen.Sie bezieht sich lediglich auf den Glanz des bewegten und prächtigen Bildes,in dessen Mitte der große Gotenkönig mit seinem Gefolge stand, umrahmtvon der Menge der Römer in ihren Togen, gemischt mit den Kapuzen zahl-reicher Mönche und Priester und alle geeint in dem Jubel über den ver-meintlichen Beginn eines neuen goldenen Zeitalters, das dem verzückten Abtim Gesicht als Abbild des himmlischen Jerusalem erschien.