Theodorich der Große
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VIII.
Die Lage, welche durch den Tod Theodorichs in dessen Reichherbeigeführt wurde, wird von Gregorovius in einer Schilderungdargestellt, deren wörtliche Mitteilung wir hier als das schlecht-hin gegebene erachten.
„Die verhältnismäßig glückliche Lage der Römer währte nachdem Tode Theodorichs noch einige Jahre: so lange nämlich, alsseine Tochter Amalasuntha , die Witwe des schon im Jahre 522gestorbenen Eutharich, die Vormundschaft über ihren jungenSohn Athalarich führte. Für das Gotenvolk selbst war dieseRegentschaft ein Unglück und eine der stärksten Ursachen seinesUnterganges. Es zeigte sich sofort, daß die Herrschaft derFremdlinge in Italien nur auf der persönlichen Kraft des Königsberuht hatte, welcher ihr Stifter gewesen war. Procopius wieCassiodor haben Amalasuntha das Lob ungewöhnlicher Charak-terkraft, staatsmännischer Klugheit, und sogar hoher literarischerBildung erteilt. Wenn Theodorich von den Römern belächeltwurde, weil er die vier ersten Buchstaben seines Namens nurdurch eine für ihn angefertigte Metallplatte mit dem Griffel nach-zog und aufkritzelte, so setzte sie das Genie einer Gotin in Er-staunen, welche mit den Griechen griechisch, mit den Lateinernlateinisch redete, und mit den Gelehrten über die Philosophen undDichter des Altertums Gespäche führte.“
„Die Erlasse Cassiodors*) zeigen, daß Amalasuntha auf jedeWeise für das Wohl der Römer besorgt war. Beinahe noch eifri-ger als unter Theodorich wurden während ihrer Regentschaftdie Wissenschaften in Rom gepflegt; die Professoren der libera-len Künste, der Grammatik, „der Lehrerin der Sprache, welchedem Menschengeschlecht den Schmuck verleiht“, der Beredsam-keit und des Rechts wurden durch Besoldungen ermuntert. Rom galt noch immer als die hohe Schule der Studien, so daß Cassio-dor sagen konnte: „Andere Gegenden liefern Wein, Balsam und