612 Vom Tode des Honorius bis zu den Langobarden
Ein an diesen großen Kämpfen nicht als Partei beteiligter,wohl aber in hohem Maße interessierter Faktor, welchen wir inunserer Darstellung einstweilen beiseite lassen, war die römischeKirche, welche als der eigentliche Sieger aus jenen Kämpfen her-vorging, belastet freilich mit der Gegnerschaft nicht nur Ost-roms sondern auch der mächtigen Langobarden, wozu sich balddie Bevölkerung der Stadt Rom selbst, sowie mächtige Grafenund Herzoge (Benevent, Spoleto ) gesellten.
II.
Die politische Rolle, welche Amalasuntha während ihrer acht-jährigen Regentschaft gespielt hat, sowie die verhängnisvollenAuswirkungen, welche sich an ihre Politik vor allem für das un-glückliche Gotenvolk knüpfen, stehen in starkem Gegensatz zudem glänzenden Bilde von Amalasuntha , welches die zeitgenössi-schen Schriftsteller uns überliefert haben, die mit ihr befreundetwaren. Dieser Gegensatz entspricht dem Verhältnis römischeroder gotischer Einstellung der Berichterstatter. Die heutigenGeschichtsschreiber neigen zu der Annahme edler Grundzüge desCharakters der königlichen Frau. Die Geschichtsschreibung derGegenwart ist insbesonder nicht der Meinung, daß Amalasun-thas Römerfreundlichkeit einer verräterischen Gesinnung gegenihr eigenes Volk entsprungen sei.
Amalasuntha brach mit der Politik der letzten Jahre ihresVaters. Sie suchte die Gunst des byzantinischen Hofes zu ge-winnen, und zwar mit Erfolg. Sie ließ den dem Arianismusfeindlichen Tendenzen in Rom freie Hand und verdarb es baldgänzlich mit den Goten. Von vornherein erbitterte die Goten dieBegünstigung römischen Wesens durch die Regentin. DieseErbitterung steigerte sich dann zur leidenschaftlichen Aufleh-nung. Es ist darüber unter anderem folgendes überliefert.Der Knabe Athalarich ward von einigen vornehmen Goten getrof-fen, wie er, wegen eines kleinen Fehls von der Mutter geschlagen,weinend davonlief. Die Goten erzwangen, daß die Erziehung ausder Hand der erfahrenen Pädagogen, in welche die Regentin siegelegt hatte, jungen und wilden Goten übergeben wurde, welcheden Knaben verdarben.