Teil eines Werkes 
2 (1933) Von der Zeit des Kaisers Konstantin bis auf die Neuzeit
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Römisches Kaisertum und Kaiserkrönungen

wenn es in Wettbewerb mit dem legitimen Kaisertum des Ostenstreten wollte, wurde erst wieder zur Wirklichkeit, als das deut-sche Teilreich unter dem sächsischen Hause geeint war.

Der Gedanke des Kaisertums war seit seiner Erneuerungdurch Karl den Großen im Abendland so tief verwurzelt, daßdie erstarkende Macht der sächsischen Könige alsbald als impe-ratorische angesehen wurde. Es bedurfte nicht erst der Verbin-dung mit Rom , um diese Vorstellung hervor treten zu lassen.Bevor Heinrich I. , der Begründer der sächsischen Dynastie,daran denken konnte, nach Italien zu ziehen, wurde er nachseinem Sieg über die Ungarn von seinem Heere als Pater patriaeund Imperator begrüßt. Derselbe Vorgang wiederholte sich, alssein Sohn Otto I. die Ungarn auf dem Lechfelde geschlagenhatte. Selbst wenn diese Erzählungen nur antikisierende Hul-digungen des sächsischen Hofhistoriographen sein sollten, sozeigen sie, daß die Vorstellung des Imperators, der vom Volkoder dem siegreichen Heere ausgerufen wurde, lebendig und be-deutsam empfunden wurde. Rechtliche Folgen hatten dieseWahlen, in denen das Heer den Kaiser machte, freilich nicht.Zwar der sächsische Chronist nennt Otto seit dieser Proklama-tion des Heeres Kaiser und schweigt von der päpstlichen Krö-nung, die sieben Jahre später in Rom stattfand. Otto selbstnahm offiziell den Kaisertitel erst dann an, als er seine Herr-schaft über Rom und den größten Teil Italiens ausgedehnt hatteund im Jahr 962 vom Papst in Rom gekrönt war.

Damit war das Imperium im Westen von den Deutschen wieder aufgerichtet. Aber auch Otto legte sich ebensowenigwie Karl der Große den Titel eines Kaisers der Römer bei.Otto zog es vor, statt diesen Titel anzunehmen, der von By-zanz aus immer Widerspruch hervorrufen mußte, seinen Sohnmit einer oströmischen Prinzessin zu vermählen, und dadurcheine faktische Anerkennung seiner Kaiserwürde durch den ost-römischen Hof zu erlangen. Erst als sein Sohn Otto II. wegenterritorialer Streitfragen in Süditalien zum Krieg gegen Ostromvorging, nannte er sich Kaiser der Römer. Damit war derGegensatz zwischen den Imperien prinzipiell ausgesprochen.