872
Die Stadt Rotn 816 bis 1009
V.
Die Erreichung des Jahres 855 in unserer Darstellung gibtVeranlassung, die Fabel von der „Päpstin Johanna “ zu berühren.
Diese berüchtigte Sage ist erst in der Mitte des 13. Jahr-hunderts aufgekommen. Sie bezieht sich aber auf die Papstwahldes Jahres 8 jj, also auf die Wahl des Nachfolgers Leo IV. DieseWahl soll nach jener Fabel auf ein Weib gefallen sein, welchesals Mann auftrat. Dieses abenteuerliche Weib sollte britischerAbkunft, aber in Deutschland (Ingelheim) geboren sein. Essollte Johanna Anglicus gehießen und in den Schulen zu Mainz sich durch geniale Begabung ausgezeichnet haben. Es heißt vondieser Fantasiegestalt weiter: „Von einem jungen Scholastengeliebt verhüllte sie ihr Geschlecht in die Mönchskutte, welchesie zu Fulda nahm, wo ihr Freund Benediktiner war“. Unterdem Namen Johannes Anglicus sollte sie, nachdem sie ihrenFreund in Athen durch den Tod verloren hatte, wo sie mit ihmPhilosophie studierte, nach Rom gegangen sein und dort eineProfessur in der schola Graecorum erhalten haben. „Ihr Ehrgeizaber strebte nach der Papstkrone. Als nun Leo IV. gestorbenwar, vereinigten sich die Kardinale in ihrer Wahl, da sie nie-mand würdiger fanden der Christenheit vorzustehen, als Jo-hannes Anglicus, das Urbild aller theologischen Vollkommen-heit. Die Päpstin bezog den Lateran und sie scheute sich nicht,ein Liebesverhältnis mit ihrem vertrauten Kammerdiener anzu-knüpfen. Die Folgen bedeckte das weite Papstgewand, bis dieNatur die Sünderin überraschte. In Prozession nach dem Late-ran ziehend, wurde sie zwischen dem Colosseum und S. Ele-mente von den Mutterwehen überfallen, sie gebar einen Knabenund verschied. Die entsetzten Römer begruben sie auf jenerStelle, und errichteten daselbst zum Denkmal dieser unerhörtenBegebenheit eine Statue“.
Eine antike Statue, darstellend ein Weib mit einem Kinde,stand am lateranischen Wege, und wurde jahrhundertelang fürdie Figur der Päpstin Johanna gehalten. Erst Papst Sixtus V. entfernte sie“.