Die Stadt und das Papsttum 816 bis 904 873
Das historisch merkwürdigste an der unzweifelhaft ganz undgar erfundenen Mythe ist, daß sie eine zeitlang allgemein ge-glaubt wurde. Daß und wie dies möglich war, veranschaulichtam besten der folgende Text des ernsthaften Berichtes des imJahre 1278 gestorbenen Annelisten Martin von Troppau inseinem Chronicon pontificum et imperatorum (Mirbt, Quellenzur Geschichte des Papsttums, 4. Aufl. 1924):
„Post hunc Leonem Johannes Anglicus natione Maguntinussedit annis 2, mensibus 7, diebus 4, et mortuus est Romae, etcessavit papatus mense 1. Hic, ut asseritur, femina fuit, et inpuellari aetate Athenis ducta a quodam amasio suo in habituvirili, sic in diversis scientiis profecit, ut nullus sibi par inveni-retur. Et cum in Urbe vita et scientia magnae opinionis esset,in papam concorditer eligitur. Sed in papatu per suum famili-ärem *) impregnatur. Verum tempus partus ignorans, cum desancto Petro in Lateranum tenderet, angustiata inter Coliseumet sancti Clementis ecclesiam peperit, et post mortua ibidem, utdicitur, sepulta fuit“.
Die Wahrheit der abgeschmackten Fabel wurde so wenigangezweifelt, daß man um das Jahr 1400 die Büste der PäpstinJohanna in der Reihe der Papstbilder aufstellte, die im DomSienas die Wände zierten. Sie stand dort 200 Jahre lang unterden Päpsten unangefochten, mit der Inschrift „Johannes VIII.ein Weib aus England“, bis der Kardinal Cesare Baronius inPapst Clemens VIII. (1592—160j) drang, sie zu entfernen,worauf die weibliche Gestalt in die Figur des Papstes Zachariasverwandelt wurde.
Man wird in der Geschichte der öffentlichen Meinung überdie um die Mitte des 13. Jahrhunderts entstandene Sage bis indas 17. Jahrhundert hinein einen merkwürdigen Abschnitt derKulturgeschichte Roms und des damaligen Mitteleuropa er-kennen und würdigen müssen. Es folgt aus diesem Abschnitt
*) Familia = Dienerschaft (auch Beamtenschaft), familiaris Diener,besonders Kammerdiener. — Die Literatur über die Mythe s. bei Mirbta. a. O.
Neomario, Geschichte der Stadt Rom II.
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