Die Stadt und das Papsttum 816 bis 904 877
Nachdem Lothar das Schwert gezogen hatte, um die Ein-heit der Monarchie gegen seine Brüder zu verfechten, nachdemer in der mörderischen Schlacht bei Auxerre (am 2j. Juni 841)überwunden worden war, vertrugen sich die Parteien endlichdurch den Vertrag von Verdun im Jahre 843, wodurch dieMonarchie Karls in ihre nationalen Völkergruppen zerfiel, undDeutschland, Italien und Frankreich sich von einander zuscheiden begannen.
Der Kaiser Lothar erhielt alle italischen Reiche mit der„Römischen Stadt“, worauf er seinen Sohn Ludwig II. zumKönige Italiens ernannte.
Wir können, wie gesagt, den Verlauf dieser weltgeschicht-lichen Vorgänge von zum Teil tausendjähriger Wirkung nichtverfolgen.
Wir werden anstatt dessen zum Schluß dieses Kapitels ge-wisse Zustände skizzieren, wodurch dieser Zeitraum in seinerechtesten Mittelalterlichkeit charakterisiert erscheint.
VIII.
Eine seltsame Leidenschaft, die Begier nach dem Besitzeder Leichen von Heiligen, hatte sich der Christenheit bemäch-tigt. Dieselbe steigerte sich, genährt durch die Habsucht und dieHerrschsucht der Priester bis zur Raserei.
Die Römer, welche die Bedürfnisse des Auslandes immermit praktischem Verstände auszubeuten wußten, trieben einenförmlichen Handel mit Leichen, Reliquien und Heiligenbildern.„Dies, und etwa noch der Verkauf alter Handschriften, waralles, worauf sich ihre Industrie damals beschränkte“.
Die zahllosen Pilger wollten die heilige Stadt nicht ver-lassen, ohne ein geweihtes Andenken mit sich zu nehmen. Siekauften Reliquien aus den Katakomben, wie Juwelen, Gemäldeund Bildwerke. Fürsten oder Bischöfe waren imstande, ganzeLeichname zu erstehen. „Die Wächter der Kirchhöfe ver-brachten angstvolle Nächte, um die Hyänen abzuwehren“.
Im Jahre 827 stahlen Franken die Reste der Heiligen Mar-cellinus und Petrus , die nach Soissons entführt wurden; im