Teil eines Werkes 
2 (1933) Von der Zeit des Kaisers Konstantin bis auf die Neuzeit
Entstehung
Seite
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Die Stadt und das Papsttum 816 bis 904 879

Im Abendlande hat zuvörderst Rom diese Wanderzüge her-vorgerufen und in seine Mauern gezogen. Sie hörten nicht auf,sich dorthin zu richten, auch nachdem durch so viele heiligeGräber in den Provinzen des Reichs für das nähere Bedürfnisgesorgt war. Es hatte sich der Wahn befestigt, daß eine Wall-fahrt nach Rom in den unfehlbaren Besitz der Schlüssel zumParadiese setze.

Jeglicher verschuldete oder schuldlose Schmerz, jede Formirdischer Qual, selbst jedes Verbrechen konnte sich nach Rom wenden, hoffend, dort an den heiligen Stätten, oder zu denFüßen des Papstes Erlösung zu empfangen.

Ein furchtbarer Unfug, welcher sich im ganzen Abendlandverbreitete, wurde durch den Klerus und die Bischöfe, und auchvon weltlichen Organen dadurch verübt, daß man Verbrecher,anstatt sie zu bestrafen, zur kirchlichen Buße nach Rom schickte.

Der Schuldige wurde mit einem Schein seines Bischofs ver-sehen, welcher ihn als Mörder oder Blutschänder offen be-kannte, ihm seine Reise, ihre Art und Dauer vorschrieb, undihn zugleich mit einer Legitimation versah. Auf sein durchbischöfliches Zeugnis verbrieftes Verbrechen hin, wie auf einePaßkarte der Behörde reiste er nach Rom . Er zeigte seinenGeleitbrief auf seiner Pilgerfahrt allen Äbten und Bischöfen derOrte vor, durch welche er kam. Diesem Verdammungs- undEmpfehlungsbrief verdankte der Sünder Schutz und gastlicheAufnahme, und er konnte so sorglos von Station zu Stationbis zu dem Heiligtum pilgern, das ihm als Ziel vorgeschriebenwar.

Rom nahm, als refugium peccatorum, alle Verbrechen insich auf, die irgend Namen und Gestalt haben.

Die Geschichte der Pilgerungen wäre zugleich die Kriminal-geschichte jener Zeit.

Oft trafen schreckliche Gestalten in Rom ein: Menschen,welche Ketten trugen, andere, halb nackt, einen schweren Eisen-ring um den Hals, oder den Arm von einem Eisenband um-