Teil eines Werkes 
2 (1933) Von der Zeit des Kaisers Konstantin bis auf die Neuzeit
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Von 1260 bis 1305

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eng mit Rom verknüpft, daß man im n., 12. und 13. Jahr-hundert es gar nicht hätte fassen können, wenn ein Papst fürdie Dauer seiner ganzen Regierung seine Residenz außerhalbItaliens aufgeschlagen hätte. Erst mit dem Gascogner Cle-mens V. (13051314) trat in diesem Verhältnis eine Ände-rung ein. Für die Unabhängigkeit der kirchlichen Regierungin dem von Parteikämpfen auf das furchtbarste zerrissenen Ita-lien fürchtend und dem Druck des französischen Königs, desgewaltigen Bedrängers Bonifaz VIII. (12941303) nach-gebend, blieb er in Frankreich , ohne den Boden der EwigenStadt zu betreten. Sein Nachfolger Johann XXII . (13161334),aus Cahors , der nach zweijähriger Sedisvakanz und höchst stür-mischen Verhandlungen im Jahre 1316 gewählt wurde, schlugseine bleibende Residenz in Avignon auf, wo er Bischof gewesenwar. Während Clemens V. als Gast im Dominikanerkloster zuAvignon wohnte, begann Johann XXII . sich im bischöflichenPalast neben der Kathedrale prächtig einzurichten. Das wesent-liche der neuen Epoche in der Geschichte des Papsttums, diemit Clemens V. und Johann XXII. anhebt, beruht auf dieserdauernden Trennung von dem althergebrachten Sitz des Heili-gen Stuhles und dem italienischen Boden überhaupt. Sie hatdie Päpste in eine verderbliche Abhängigkeit von den französi-schen Königen gebracht und ihre universale Stellung außer-ordentlich gefährdet. Mehr oder minder abhängig von Frank-reich waren die avignonesischen Päpste ohne Ausnahme. SelbstFranzosen, und umgeben von einem überwiegend französischenKardinalskollegium, drückten sie der Kirchenregierung einenfranzösischen Charakter auf. Der Heilige Stuhl besaß zwar dieGrafschaft Venaissin und erwarb später auch Avignon . Einevöllig freie und unabhängige Stellung erhielt er aber dadurchnicht. Denn das kleine Gebiet war von Frankreich und derProvence, wo die Anjou herrschten, vollständig eingeschlossen.Von den Fenstern ihrer Residenz aus sahen die avignonesischenPäpste nach der einen Seite nur auf französisches Gebiet, vondem sie allein der Rhonestrom trennte. Der Brückenturm amrechten Ufer schaute zu ihnen herüber als drohendes Symboleiner fremden Macht.