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Wende vom Mittelalter zur Neuzeit
Feste, nahmen an dem ausgelassenen Karnevalstreiben teil undgaben sich in sittlicher Beziehung Ausschweifungen hin.“
Rodrigo de Borja (später Papst Alexander VI. 1492—1503)ist dasjenige Beispiel jener Kardinale, welches zur größten Be-rühmtheit und Berüchtigtheit gelangte. Durch seinen OheimCalixtus III. in jungen Jahren Kardinal und Vizekanzler ge-worden, hatte Rodrigo zahlreiche Benefizien in seiner Handvereinigt und verfügte über ein fürstliches Einkommen. Schonzur Zeit Sixtus’ IV. galt er nach Estouteville als der reichste allerKardinale. Ein glänzender Kavalier, eine stattliche, heroischeErscheinung, dabei von heiterem Wesen und gewinnender Be-redsamkeit, zog er, wie ein Zeitgenosse behauptet, stärker alsein Magnet das Eisen, schöne Frauen an. Durch seinen sitten-losen Lebenswandel hatte sich Kardinal Rodrigo bereits ernsteErmahnungen von seiten des Papstes Pius II. zugezogen. In seinenAdern rollte das heiße Blut der Valencianer, bei denen die jahr-hundertelange Herrschaft der Mauren auch in sittlicher Be-ziehung tiefe Spuren zurückgelassen hatte.
Seit Ausgang der sechziger Jahre des 15. Jahrhunderts standder Kardinal Borja in engen Beziehungen zu der 1442 geborenenRömerin Vannozza de Cataneis. Diese berühmte Frau, welchedreimal vermählt war (1474 mit Domenico von Arionano, 1480mit dem Mailänder Giorgio de Croce, i486 mit dem MantuanerCarlo Canale), gebar dem Kardinal Borja vier Kinder. Vannoz-za starb 76 jährig am 26. November 1518 zu Rom . In ihrerGrabschrift sind die Kinder in der Reihenfolge genannt: Cesare,Juan, Jofre, Lucrezia.
Die bedeutendste Persönlichkeit im Kardinalskollegiumwar Giuliano della Rovere , ein Mann durchaus vom Geprägedes 15. Jahrhunderts, welchem er angehörte und aus dem er dieWillensstärke, das Ungestüm der Tat und die Großartigkeit vonPlänen und Ideen in die neue Zeit hinübernahm. Er war stolzund ehrgeizig, vom stärksten Selbstbewußtsein, jähzornig, dochniemals niedrig und klein. Die Verpflichtung des Zölibats be-obachtete dieser Kardinal ebensowenig wie zahlreiche andereseiner Kollegen; doch hatte er sich trotz allen weltlichen Trei-