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Wende vom Mittelalter zur Neuzeit
Als sie Alexander entließ, rief er ihr mit lauter Stimme zu,sie solle guten Mutes sein und ihm schreiben, so oft sie etwasvon ihm wolle, er werde in der Ferne mehr für sie tun, als er inRom für sie getan habe.
Der Abzug Lucrezias fand um 3 Uhr nachmittags statt.Bis vor die Porta del Popolo begleiteten sie alle Kardinale, dieGesandten und die Magistrate Roms . Sie ritt auf einem weißenmit Gold gezäumten Zelter, in einem Reiseanzug von roterSeide und Hermelin, einen Federhut auf dem Kopf, mitten ineinem Zuge von mehr als tausend Personen. Neben sich hattesie die Prinzen von Ferrara und den Kardinal Cosenza . IhrBruder Cäsar begleitete sie eine Strecke lang und kehrte dannmit dem Kardinal Hippolyt nach dem Vatikan zurück.
So schied Lucrezia Borgia für immer von Rom und einerVergangenheit, welche in die furchtbarste Epoche der römischenGeschichte fiel, und in der sie von ihrem 13. bis zu ihrem 22.Lebensjahr der Gewalt von Männern unterworfen war, die derSchrecken der Welt und der Fluch der Stadt Rom waren. Daßsie diesem Schicksal nicht erlag, sondern in Ferrara an der Seiteeines edlen Fürsten fast zwei Jahrzehnte hindurch Glück ver-breitete und Glück empfing, darf doch wohl als ein Teil der indem Geschlecht der Borgia liegenden Unverwüstlichkeit derLebensbejahung gedeutet werden.
V.
Wir greifen auf das Jahr 1493 zurück, um auf zwei Thron-wechsel hinzuweisen, welche in den Jahren 1493 und 1494 ein-getreten waren.
Am 19. August 1493 starb Kaiser Friedrich III., am 25. Ja-nuar 1494 König Ferrante von Neapel.
Während der erste dieser Thronwechsel fast völlig bedeu-tungslos für Rom und Italien war, führte der Tod des KönigsFerrante zu einer Umwälzung, welche in der Invasion KönigKarls VIII. von Frankreich in Italien mit der Besetzung Roms (31. Dezember 1494) erschütterndes Zeugnis ablegte für die