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„Julius II. ging mit der ganzen gewaltigen Energie seinesgroßartigen Wesens an die Aufgabe, die ihm unter den dama-ligen Verhältnissen als die notwendigste erschien: die Wieder-herstellung, Befestigung und Erweiterung des weltlichen Be-sitztums der Kirche. Der Hauptgedanke, die Weltmacht desPapsttums neu zu beleben, dem Heiligen Stuhl durch einen fest-gegründeten Staat Unabhängigkeit und Ansehen zu verschaffen,stand von Anfang seiner Regierung an unverrückt vor seinerSeele. Kein Opfer, kein Mittel scheuend, wendete er mit eisernerKonsequenz seine ganze Kraft dieser Aufgabe zu. Fest und ziel-bewußt hat er sie bis zu seinem letzten Hauche verfolgt, undist so der Retter des Papsttums geworden.“ *)
Vor L. v. Pastor hatte 18 6o Walter Burckhardt („Die Kulturder Renaissance in Italien“) gesagt: „Welches auch die Privat-sitten Julius’ II. sein mochten, in den wesentlichen Beziehungenist er der Retter des Papsttums. Die Betrachtung des Ganges der Dinge in den Pontifikaten seit seinem Oheim Sixtus hatteihm einen tiefen Einblick in die wahren Grundlagen und Be-dingungen des päpstlichen Ansehens gewährt, und danach rich-tete er nun seine Herrschaft ein und widmete ihr die ganzeKraft und Leidenschaft seiner unerschütterlichen Seele. Er warim Leben und Denken echt weltlich gesinnt, hielt weder Bundes-genossen noch Gegnern Treu und Glauben, aber er ging inseiner Politik unverrückt auf ein großes Ziel los und imponiertedadurch den Widersachern.“
*) Die scharfe Unterscheidung der Kirche und des Kirchenstaates, welchePastor klar hervorhebt, ist in der älteren Literatur zu vermissen. In derÄußerung Macchiavellis über Julius II. wird, der älteren Übung entsprechend,nur „chiesa“ und das Privatinteresse des Papstes unterschieden. Julius II. hatteunzweifelhaft die gleiche Vorstellung wie Macchiavelli. Der von Macchiavelli zu-erst angewandte Ausdruck „stato” kam erst sehr viel später in Gebrauch. Der Be-griff des Staates vollends ist dem 1 6 . Jahrhundert fremd geblieben. Dennochwird man sagen dürfen, daß Julius II., wenn man auf ihn die Ausdrucks- undVorstellungsweise des 19. Jahrhunderts anwendet, die römische Kirche (Grego-rovius meint: „das römische Bistum“) durch die Errichtung eines monarchischenStaates unter der Souveränität des Papstes, organisch festigen und ihren Bestandgegen alle äußeren Machteinflüsse sichern wollte.