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Mit den Kardinalen, Prälaten und Bankiers wetteiferte anInteresse für künstlerische und literarische Schöpfungen wie anGlanz und Pracht das diplomatische Korps, welches seit jenenTagen in Rom fast stets auch auf geistigem, literarischem Ge-biete hervorragende Männer in seinen Reihen gesehen hat.
Damals glänzten in Rom besonders zwei Namen von Diplo-maten erster Größe: der bei Leo X. in hoher Gunst stehendeGelehrte Alberto Pio von Carpi, zuerst Vertreter des Kaisers,später Franz’ I. , und der im Aufträge des Markgrafen von Man-tua in Rom weilende Baldassar Castiglione (1478—1529). Indem gastlichen Hause dieses vortrefflichsten Kavaliers der Welt,wie Karl V. Castiglione nannte, verkehrten alle hervorragendenLiteraten und Künstler der Stadt. Castiglione war nicht nurmit Raffael, sondern auch mit dem schwer zugänglichen Michel-angelo befreundet. Die berühmte Schrift „vom Hofmann“ (ilcortegiano), in den ersten Jahren Leos von dem mantuanischenDiplomaten vollendet, schildert „in einem wunderbar fließen-den, klassischen Italienisch“ den Verkehr der vornehmen, hoch-gebildeten Gesellschaft der Zeit, in welcher die Renaissance ihreletzte und reifste, freilich unmittelbar vor dem Abwelken ste-hende Blüte erreicht hatte.
Die höhere römische Gesellschaft stellte sich als eine Mengevon Kreisen dar, deren Mittelpunkt meistens ein Kardinal alskünstlerischer oder wissenschaftlicher Mäzen war: so Riario,Grimani, Bibbiena, Alidosi, Julius Medici, Caraffa, Sauli, Pe-trucci, Farnese, Castellesi, Soderini, Sanseverino, Gonzaga, Egi-dius von Viterbo .
Der Mittelpunkt der Gesamtheit dieser Kreise war Leo X .sowohl als Mäzen wie auch als Genießer. Er entfaltete dengrößten Glanz, er besoldete die meisten Künstler, Gelehrten undDichter, und er genoß im höchsten Maße die mannigfaltigenLeistungen derselben.
Im buntesten Wechsel verflossen seine Tage. Große kirch-liche Funktionen, feierliche Prozessionen und erhebende Kirchen-ieste, ernste Konsistorien und prunkvolle Empfänge von Ge-