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Tibur. Dorthin führt aus der Porta Tiburtina fast gradlinigdie Via Tiburtina. Diese Straße wendet sich zuerst gegen denAnio-Fluß, den sie mittelst des Ponte Mommolo und weiteroben nochmals, mittelst Ponte Lucano (unweit der Villa Hadri-ana, s. oben Seite 352) überschreitet. Die Straße erreicht dannTibur in kurzer Zeit auf steiler Höhe.
Die große Bedeutung der Porta Tiburtina ist bei der bau-lichen Ausgestaltung stets durch verstärkte Befestigung derMauern ausgezeichnet gewesen. Im Jahre 1500 umgeben sieTürme und Bogen sowie sonstiges auffallendes Bauwerk, vondem zwei auffallende Türme erst im 15. Jahrhundert errichtetsind. Verstärkt wurde die Bedeutung dieses Punktes der Stadt-befestigung dadurch, daß hier die drei Wasserleitungen Julia,Tepula, Marcia zusammentrafen.
Südlich der Via Tiburtina und außerhalb der Mauer beiS. Lorenzo auch nördlich scheinen im 15. Jahrhundert Villen-bauten entstanden zu sein.
Nördlich der Via Tiburtina aber hat das Gebiet bis zurPorta Salaria noch lange über das Jahr 1500 hinaus den Charak-ter der Öde und der Verrufenheit gehabt *).
*) Unsere Tafel VI (übereinstimmend mit dem von mir eingesehenenOriginal des Planes von Bufalini in der Vatikanischen Bibliothek) zeigt alsunmittelbar an die Mauer bei dem Platz der Castra Praetoria angeschlossen:„Fossa in quam projiciebantur ossa cadaverum ustorum“ und gleich daneben„Sepulcrum Commune“, sowie das „Vivarium“ (Vivariolum) d. h. dengroßen, wahrscheinlich schluchtartigen Raubtierzwinger für die Gladiatoren-kämpfe. Diese drei im Jahre 1551 sicher nicht mehr in Gebrauch stehendenunwohnlichen und abstoßenden Stätten, deren Gedächtnis und substantielleNachwirkung dazu angetan waren, jede Baulust fernzuhalten, erklären in ge-wissem Maße die Unbewohntheit der Gegend. — Einen anderen Komplexabschreckender Terrain-Erinnerungen, welcher geeignet war, die von Aber-glauben jeder Art beherrschte römische Bevölkerung vom Bauen fernzuhalten,zeigt unsere Tafel VI in der Nähe der Innenseite der Stadtmauer zwischenPorta Salaria und Porta Nomentana mit den beiden Texten: „Speluncae, ubiVirgines Vestales quae in stupro comprehensae defodiebantur vivae“ und„Ludi Floreales meretricum nudarum“. — Aus unserer Tafel III (Karterechts unten) ist ersichtlich, daß in nächster Nähe, im nordöstlichen Winkelder Servianischen Mauer, ein dritter Platz verruchten Andenkens lag: der„campus sceleratus“, welcher die Römer an die Freveltat der Tullia gegenden Leichnam ihres Vater Servius erinnerte (s. oben Seite 86).