72
Als er am 22. Juli 1893 seinen siebenzigsten Geburtstagfeierte, ehrten ihn seine politischen Freunde und angesehene(Jorporationen durch festliche Griisse und Adressen. Dievolkswirtschaftliche Gesellschaft in Berlin und der Verein fürHandelsfreiheit überreichten ihm eine silberne Votivtafel und23 deutsche Handelskammern schickten eine kunstvoll aus-geführte Adresse, deren Deckel mit dem Wappen ihrer Städtein Gold, Silber und Emaille geziert war. Vielen Privat-personen, die unter dem Drucke Bismarck’s und der von ihmgeschaffenen Verhältnisse zu leiden hatten, galt er als einzuverlässiger Vertrauensmann in delikaten und schwierigenLagen. War er den Antisemiten ein Dorn im Auge, soschätzten ihn die von ihnen Verfolgten um so höher. Selbstihm persönlich ganz Fernstehende wendeten sich an ihn umBeistand. So fuhr z. B. der bekannte Dr. Geffken nachseiner Entlassung aus dem Gefängnisse direct bei ihm zueiner Besprechung vor, obgleich er nie Beziehungen zu Bam-berger gehabt hatte. Und noch weit höher stehende Kreisebedienten sich seines Käthes. Als der unglückliche KronprinzFriedrich AVilhelm in San Kennt schmachtete, stand Bambergermit dessen Umgebung in lebhafter Oorrespondenz, die untereiner Deckadresse über London ging. Wenn einmal dasTagebuch, welches er über die Vorgänge der Jahre 1887 und88 geführt hat, veröffentlicht werden wird, dürften sichermanche interessante Aufschlüsse über dunkele Vorgänge dieserZeit ans Licht kommen. Auch die Gesandten auswärtigerMächte in Berlin consultirtcn ihn gelegentlich vorsichtig durchihre Attaches.
Das persönliche Vertrauen, das Bamberger so entgegen-gebracht wurde, die Freundschaft und Hochschätznng, welcheer in geistig hochstehenden Kreisen der guten Gesellschaftgenoss, konnten ihn jedoch nicht für das Unbehagen ent-schädigen, das ihm die Veränderung der allgemeinen Richtungdes öffentlichen Lebens in Deutschland einffiisste. Er hattesich eine andere Entwicklung der Dinge gedacht, als er lioff-nungsfreudig wieder nach Deutschland zurückkehrte. ,,Es wardie Zeit des Werdens“, so schreibt er in seinen Erinnerungen