8. 519, „die so oft schöner ist als die der Erfüllung'. Undgerade darum zog mich alles so lebhaft herüber. Wer mirdamals das Bild der Dinge in der Perspective gezeigt hätte,welches drei Jahrzehnte später mir vor Augen stehen würde,den hätte ich für hirnverbrannt gehalten. Wer mir damalsgesagt hätte, es werde die Zeit kommen, wo man mir nach-sagen würde, ich verträte französische Interessen oder per-sönliche Vortheile oder gar jüdische Auffassung in deutschenAngelegenheiten!“ Hatte nach seiner Meinung zu dieserEntwicklung der Dinge Bismarck keinen geringen Anstossgegeben, so war er doch stets mehr geneigt, das deutscheBürgerthum anzuklagen, das, charakterlos und kurzsichtig' zu-gleich, sich als unfähig zur Wahrung seiner eigensten Inter-essen gezeigt hatte. Der Bieg der preussischen Feudalparteiüber das liberale Bürgerthum war einmal entschieden undan der ganzen Situation für absehbare Zeit wenig zu bessern.Desshalb machte auch der Sturz des Fürsten Bismarck imFrühjahre 1890 keinen tiefen Eindruck auf ihn. Er hat ihnweder „bejubelt, noch bedauert“. Dass die Politik des Fürsten seit 1878 keine nennenswertlien Erfolge mehr aufzuweisenhatte, dass ihr bei seiner steigenden Nervosität schon längereZeit nichts mehr recht gelinge, hatte er schon seit Jahren deut-lich zu sehen geglaubt, und auch ausgesprochen. Misserfolgewürden ihn aber nicht stürzen, und nur vor der Krone, nichtvor dem Parlamente werde er weichen, schrieb er 1888 (DieNachfolge Bismarcks S. 26). Dass er hierzu werde gezwungenwerden können, sprach Bamberger zwar schon Anfang Fe-bruar 1890 gegen einen Freund aus, glaubte aber selbst nichtdaran (des. Sehr. V, 323). Und als nun das an sich Un-wahrscheinliche doch wirklich geworden war, da wiederholteer sich wohl die 1889 geschriebenen Worte, dass das freieBürgerthum keine Ursache zu dem Wunsche habe, den Kanzlervon dem Schauplätze seiner Tluitigkeit verschwinden zu sehen.„Denn einen Nachfolger im Sinne der dleichwerthigkeit fürden ersten deutschen Beiehskanzler giebt es nicht, und kannes nicht geben.“ „Das nicht unbegründete defiihl der eigenenUnzulänglichkeit macht die Nation in ihrer Breite lustlos,
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Ludwig Bamberger : eine biographische Skizze / von Otto Hartwig
Seite
73
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