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war, weil er mir aus sich heraus gelebt hatte und nie fremdenEinflüssen unterlegen war. Bei der Gelassenheit seinesWesens, der philosophischen Betrachtung der Zusammenhängealles Geschehens fand er doch auch noch immer beruhigendeErklärungsgriinde für die ihm so unsympathische. Entwicklungder deutschen Verhältnisse. .Seihst die Schwächlichkeit des-deutschen Bürgerthums betrachtete er gelegentlich in milderemEichte. Mit Kocht sagt er in dem Aufsätze: Die NachfolgeBismarcks: „Während aristokratische, kirchliche, proletarischeParteien über die Kraft verfügen, welche der Egoismus er-zeugt, hat sich das moderne Bürgerthum, im Gegensatz zudem vergangener Jahrhunderte, die leibhaftige Vertretung derunterschiedslosen Gesammtheit aller Klassen zur Pflicht ge-macht — le tiers etat est tont — und schliesst auch die nichtaus, die sich im Gegensatz zu ihm auf ein besonderes Rechtzur Erreichung besonderer Zwecke stützen.“ Die Elastieitätseines Geistes, der Glaube an die Wahrheit und Gerechtig-keit der von ihm bekannten politischen Grundanschauungenwaren so gross, dass er an ihrem endgültigen Siege nie ver-zweifelt hat. Darum kam es ihm auch niemals in den Sinn.,nachdem er sich aus dem öffentlichen Lehen zurückgezogenhatte, die Hände in den Schooss zu legen. Er ist seinenpolitischen Freunden stets ein treuer Helfer und Rathgebergehliehen und hat mit seiner Feder an dem Kampfe nachwie vor den lebhaftesten Antheil genommen. „Ich glaube,mein Mund und meine Hand werden mir bis zum Tode nichtversagen,“ sagte er mir einmal.
Die Müsse, die ihm seit 1893 geworden war, gestatteteihm, seinen ältesten und tiefsten Neigungen jetzt noch mehrnachzuleben, als das früher hei der Menge von Geschäften,denen er sich hatte unterziehen müssen, möglich war. Jetztkonnte er fast ungestört, namentlich in seinem Tuseulum zuInterlaken, der .Schriftstellerei leben. In Berlin , wo er nachwie vor den Winter zubrachte, wurde er immer von zu vielenSeiten in Anspruch genommen. Auf Reisen nach Frankreich, ,die er erst einige Jahre nach 1870 wieder aufnahm, fand er-wähl Zeit zu Beobachtungen, aber nicht zu Arbeiten. Nach-